Paul und seine Welt

 

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Folge 1

Verantwortungsbewusstsein

 

     Zu Weihnachten hat die Böse Omi meiner Schwester zwei Goldfische geschenkt: Ernie und Bert. Der Tierladenbesitzer hatte ihr erzählt, dass es zwei Männchen seien.

     „Männchen sind dünner als Weibchen, hat er gesagt, daran kann man sie erkennen. Außerdem ist bei Weibchen die Analöffnung größer. Man nennt das übrigens Kloake.“

     Während sie noch den Kopf über dieses Wort schüttelte, schaute ich bereits in das runde Glas, in dem Ernie und Bert ihre Runden drehten, sich auf den Boden sinken ließen, um dann an die Oberfläche zu schnellen und mit zuckenden Bewegungen das Fischfutter zu verspeisen.

     „Was ist eine Analöffnung“, fragte ich.

     „Das ist der Po“, sagte Mutter.

     „Der Arsch“, sagte Vater.

     „Himmel“, sagte die Böse Omi und verdrehte die Augen.

 

     Meine Schwester bedankte sich, aber es klang etwas halbherzig. Erstens hatte sie sich etwas ganz anderes gewünscht, nämlich die neue Single von Jürgen Marcus. Das ganze Jahr über hatte ich hören müssen, dass eine neue Liebe wie ein neues Leben sei. Und nun behauptete der Sänger in dem neuen Lied, dass Schmetterlinge nicht weinen könnten. Und das – man stelle sich das mal vor – hätte meine Schwester nur zu gerne mehrmals hintereinander anhören wollen.

     Zweitens war sie sowieso auf ihren Kater fixiert, da hätten die Fische sowieso keine Chance gehabt. Und drittens hatte sie bei der Erwähnung der Analöffnung einen roten Kopf bekommen. Das Geschenk von der Bösen Omi hatte keine Chance.

     Auch meine Eltern sahen Fische nicht als nützliche Freizeitbeschäftigung an. Sie seien ja nur pädagogische Hilfsmittel, um uns Kinder zu mehr Verantwortungsbewusstsein zu zwingen, hat meine Mutter behauptet. Und Vater hat genickt. Darum landeten die Fische in meinem Zimmer, verbunden mit dem Hinweis auf das genannte Wort.

 

*

 

     Mehrere Tage brütete ich über das Wort Verantwortungsbewusstsein nach, um seine Bedeutung zu entschlüsseln. Ich zerlegte es in die Teile, die mir bekannt waren: AntwortWissenSein, wobei das Wissen irgendwie gebeugt war. Das Sein, also das Leben mit dem Wissen um die Antwort, so reimte ich es mir zusammen. Aber richtig schlau wurde ich daraus nicht.
     Ich versuchte, die Goldfische mit in meine Überlegung einzuarbeiten. Wenn ich mich um diese Tiere kümmere, dann bin ich im Wissen, dass ich die Antwort kenne? Was für eine Antwort? Die des Seins? Des Lebens? Das ergab keinen Sinn. Also mussten die anderen Bestandteile des Wortes seine Bedeutung erklären.
     Zuerst glaubte ich, die Vorsilbe Ver- hätte eine negative Bedeutung, so wie in Verleumden, Verachten, Verlieren. Dann aber dachte ich an Verstehen, Vergnügen, Verlieben und kam nicht weiter. Und was hatten das -ungs- und das -be- hier zu suchen? Damit konnte ich gar nichts anfangen. Also doch weg mit dem ganzen Beiwerk. Vielleicht sollte ich noch einmal ganz von vorne anfangen.

     Die Antwort auf das Wissen des Seins, wobei das Sein natürlich wieder das Leben bedeuten musste. Half mir das weiter? Was sollte das mit Goldfischen zu tun haben? Wenn ich Fische füttere, dann gibt mir das Wissen über das Leben die Antwort? Das klang allerdings gar nicht einmal so schlecht.

 

     Während dieser tagelangen Grübeleien hatte ich nicht darauf geachtet, wie oft ich mit dem Futterdöschen zum Aquarium gelaufen war. Eines Morgens lagen Ernie und Bert kopfüber und aufgedunsen im vom Fischfutter getrübten Wasser. Mit der Hand holte ich sie heraus und sie glitschten mir fast weg, als ich sie in Zeitungspapier wickelte. Das Päckchen trug ich hin und her, unschlüssig, wie man Fische begräbt ...

     Dann dachte ich wieder an das Wort: Verantwortungsbewusstsein.
     Wenn ich sie schon, als sie noch lebten, falsch behandelt hatte, wollte ich wenigstens, dass sie ihr Leben nach dem Tod in dem Element verbringen, in dem sie sich am wohlsten gefühlt hatten. Ich wickelte sie aus, legte sie vorsichtig in das Wasser in der Kloschüssel und spülte.

 

*

 

     Erst nach mehreren Wochen stellte die Familie fest, dass das Aquarium leer war. Man rief mich vor den Familienrat und beklagte sich, wie verantwortungslos ich doch sei, dass ich nichts von dem Tod der Fische erzählt hätte ...

 

 

***

 
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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel