Paul und seine Welt

 

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Folge 8

Auf der Autobaaahn

 

„Lasst euch bloß nicht überfahren“, sagte Mutter in die Stille hinein. Bruder Kolja und ich lagen ausgestreckt auf dem Asphalt und schauten in die Sonne.

„Wie soll denn das gehen“, fragte ich, „wenn doch gar kein Auto fährt?“

„Sei nicht so vorlaut“, bekam ich daraufhin zu hören. Bruder Kolja stupste mich an.

„mütter“, sagte er leise und seufzte laut. „ach, ölkrisen sind einfach zu gut! wie ich diese autofreien sonntage liebe! das müsste immer so bleiben!“

Er und meine Mutter hatten sich vor langer Zeit im „revolutionären seminar“ an der Universität kennengelernt. Seitdem waren sie befreundet. Und seitdem sprach Bruder Kolja genauso, wie sie dort ihre Überzeugungen formuliert hatten: alles klein geschrieben und fast immer mit einem Ausrufezeichen am Ende.

„daran sieht man’s doch: wenn die deutschen wollen, dann klappt’s mit der solidarität!“

„Du hast gut reden“, meinte Vater, als er sich zu uns legte, „der einzige, der heute mit dem Auto gefahren ist, das bist du.“

„das sind wir“, korrigierte Bruder Kolja (manchmal unterstrich er auch ein Wort), „wie hätten wir denn sonst hierher kommen sollen? doch nur mit meinem taxi, oder? Nur die und busse und bullenwagen, die dürfen heute fahren!“

„Na, wenn du das Solidarität nennst …“

*

Wäre es Vater gewesen, der das zu ihm gesagt hätte, hätte Bruder Kolja ihn bestimmt mit Großbuchstaben traktiert. Das eben aber hatte Mutter gesagt. Und ihr gegenüber war er schon immer sanft wie ein Lamm. Oder weich wie ein Komma …

„ist ja schon gut, aber wie sag ich immer: lieber bleifuß als schweißfuss!“ Er setzte sich auf. „dafür habe ich eine prima idee – ein super slogan. ist mir letztens eingefallen: ‚stoff statt plastik!‘ na, was haltet ihr davon?“

Der Gedankenstrich wies auf eine „längere intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema“ hin, wie Mutter es seinerzeit genannt hatte, als Bruder Kolja ihn schon einmal benutzt hatte. Trotzdem, oder gerade deswegen, rätselten wir, was er damit gemeint hatte.

„ist doch logisch, wenn alle nur noch stofftaschen benutzen, dann können die kapitalisten keine plastiktüten mehr produzieren! der ganze markt bricht zusammen! ist auch gut für die UMWELT!“

Er zog einen Joint aus seiner Hemdtasche und zündete ihn an. Mutter kommentierte das mit einem verärgerten Schnaufen.

„TI“, murmelte meine Schwester. Auch sie war bei unserem Ausflug dabei und nutzte die Gelegenheit, sich hier auf der A 661 zu sonnen.

„Tolle Idee“, übersetzte ich für die anderen. Vater brummte unbestimmt. Nicht mehr lang und er würde einschlafen.

*

Ich aber schloss mich der Meinung meiner Schwester an. Bruder Kolja hatte uns nämlich schon so manches Mal überrascht – wie damals, als er uns gezeigt hatte, dass wenn man I am the walrus von den Beatles rückwärts spielt, man hört, wie John Lennon „Paul is dead“ singt. Kurz hatte er mich damit erschreckt, aber natürlich war ein anderer Paul gemeint, wie Bruder Kolja dann auch klargestellt hatte.

„paul mccartney hatte einen autounfall, weil er einer politesse hinterhergeschaut hat. und zack: mauer, tot! und der neue paul trug plötzlich einen bart. außerdem sind die beatles NIE wieder live aufgetreten! und dann noch das cover vom abbey road-album, da geht paul nämlich barfuß über den zebrastreifen! ganz klar: seine beerdigung! paul is dead!“

Vater hatte damals dazu nur gemeint, dass Bruder Kolja einfach zu viele Joints rauchen würde. Er wäre doch völlig beneb …

*

„Eine blöde Idee ist das“, unterbrach Mutter plötzlich meine Erinnerungen, „wenn sie keine Plastiktüten mehr produzieren, dann machen sie mit dem Öl was anderes, was noch mehr Profit bringt. Mit deinem Vorschlag spielst du dem Establishment doch nur in die Hände!“

„aber …“

„Und apropos UMWELT: Plastiktüten kann frau auch mehrmals benutzen. Frau muss sie ja nicht immer gleich wegschmeißen.“

Automatisch duckte ich mich weg. Wenn Mutter ihren feministischen Ton anschlug, dann war mit ihr nicht mehr zu spaßen.

„war ja nur so ‘ne idee“, gab Bruder Kolja jetzt auch klein bei und drückte den Joint aus. Tot machen, nannte er das.

„Also, mir reicht‘s jetzt“, sagte Vater und richtete sich auf, „da gibt es mal einen schönen ruhigen Sonntag ohne Autos, aber ihr müsst die ganze Zeit schwätzen!“

*

Am nächsten autofreien Sonntag, gerade als ich die Wohnung verlassen wollte, rief Mutter durch das Treppenhaus, ich solle noch Kekse und Schokolade einpacken. Ich rannte in die Küche, stolperte fast über den Kater meiner Schwester, der wie immer im Weg saß, und riss die Schranktüren auf. Aber das sollte man bei uns zu Hause besser nicht tun …

… besonders dann nicht, wenn die Plastiktütensammlung von Mutter mal wieder bis aufs Maximum angewachsen war. Ein ganzer Schwung dieser feinsäuberlich gefalteten Tüten fiel heraus und verteilte sich zwischen dem Kater und mir auf dem Küchenboden.

„Paul, jetzt komm!“, rief Vater von der Wohnungstür.

„Ich hab’s gleich“, rief ich zurück und stopfte fluchend die Tüten wieder rein.

„Paul!! Wir fahren sonst ohne dich!“

Die Schranktür ging nicht mehr zu, ständig fielen die Plastiktüten wieder raus. Egal, ich nahm eine von ihnen, faltete sie auseinander, warf Kekse und Schokolade hinein und rannte die Treppen runter.

*

„sie macht was?!“

Dieses Mal waren wir zur A 7 gefahren, dort, wo sie in den Taunus hochführte. Bruder Kolja rauchte – natürlich – einen Joint. Vater ließ eine leere Bierflasche den Berg herunterrollen. Und während wir den Spaziergängern zuschauten, wie sie ihr auswichen, erzählte ich den anderen von meinem Missgeschick mit Mutters Sammlung. „Na, sie sammelt Plastiktüten. Sind bestimmt schon mehr als tausend.“

„Ach, jetzt übertreib‘ mal nicht!“, widersprach mir Mutter. Die Bierflasche zerschellte an einer Leitplanke.

„Man könnte ein Museum daraus machen“, schlug Vater vor und ließ die nächste Flasche rollen. Ein alter Mann hielt sie mit dem Fuß an und hob sie auf.

„Fünfzehn Pfennig“, rief er erbost.

„eigentum STINKT“, sagte Bruder Kolja. Das brachte ihm einen bösen Blick von Mutter ein.

„aber du hast doch selbst gesagt, dass man die plastiktüten mehrmals benutzen soll.“ Er gab den Joint an Vater weiter. Ich staunte. Das hatte er noch nie getan …

„Tut sie doch auch“, sagte ich, während ich aufmerksam beobachtete, wie Vater unbeholfen an dem Joint zog, „sie kauft sie. Und sie sammelt sie.“

„Paul!“

„Was denn? Ist doch wahr!“

„KIMZ?“, fragte meine Schwester und zeigte auf den Joint.

„Du bist erst fünfzehn!“

Das sagte Mutter zu ihr, aber dabei schaute sie mich an und zwar noch strenger als zuvor. Sie erwartete wohl, dass ich auch auf die Idee kommen würde, mal ziehen zu wollen. Ich schüttelte den Kopf. Dabei roch es gar nicht schlecht …

„Jedenfalls spielst auch du damit den Kapitalisten in die Hände“, stieß Vater durch den Qualm hustend aus, „je mehr Plastiktüten du sammelst, umso mehr können sie verkaufen.“

Ich sah, wie Bruder Kolja damit kämpfte, ihm offiziell Recht zu geben.

„Mit dir fahre ich noch mal nach Venedig“, sagte Mutter spitz, nahm Vater den Joint aus dem Mund und zog daran. Meine Schwester stand beleidigt auf und stellte sich an Bruder Koljas Taxi.

Danach sagte keiner mehr was.

*

„aber das ist die chance“, rief Bruder Kolja plötzlich, „du bringst deine plastiktüten einfach wieder unter die leute!“

„Das könnt ihr vergessen“, sagte Mutter, während ich überrascht war, dass Bruder Kolja auch etwas kursiv aussprechen konnte.

„Geenaauu!“ Vater stimmte ihm zu. „Damit kannst du den ganzen Markt durcheinander bringen.“

„Das sind doch nur tausend Stück“, sagte Mutter. Jetzt gab sie es also doch zu.

„richtig eingesetzt, gibt es einen boomerang-effekt …“

„Waaahnsinn“, fiel ihm Vater ins Wort, „kurzfristig wird der Markt gesättigt. Die Fabriken drosseln die Produktion. Dann steigt die Nachfrage wieder und sie kommen ins Schwitzen.“

„… und wenn ich dann mit meinen stofftaschen komme, mache ich ein vermögen!“ Bruder Kolja stockte kurz und sagte, ganz ohne Ausrufezeichen: „das kommt natürlich alles der SACHE zugute.“

„Und dann …“, Vater breitete die Arme aus, „… und daa-hann kommt der ganze Aktienmarkt ins Strudeln, erst in Deutschland und …“

„… dann auf der ganzen welt! lässig!“

„Ihr bekommt meine Plastiktüten nicht. Vorher verbrenne ich sie.“ Mutter stand auf und stellte sich zu meiner Schwester ans Taxi.

„GJL?“

„Wenn die Herren Möchtegern-Revoluzzer ihren bekifften Arsch hochkriegen, dann geht’s jetzt los.“

*

Im Schneckentempo tuckerten wir über die Autobahn, angeblich um die Fußgänger nicht zu erschrecken. Wie Bruder Kolja hatte ich das Fenster heruntergekurbelt und hielt meinen Ellenbogen in den Wind.

„ist das nicht genial? so ‘ne leere autobahn! man sollte ein lied darüber schreiben: wir fahrn, fahrn, fahrn auf der leeren autobahn …“

„Eeeiiiooouuuhhhh“, ahmte Vater einen Rennwagen nach. Die beiden kicherten.

„ich kenn‘ so ’nen technikfreak, der ‘ne band hat. dem steck‘ ich das mal …“

„Wird bestimmt ein Hit.“ Mutter hatte noch immer schlechte Laune. Vater drehte sich um.

„Jetzt hab‘ dich mal nicht so. Bruder Kolja hat einfach gute Ideen!“

„bier und hanf gehören zum kampf!“

„Eeeiiiooouuuhhhh“, mache Vater wieder.

*

Plötzlich bremste Bruder Kolja scharf.

„Was ist los“, fragte Mutter.

„deswegen bist du also gegen meine idee mit den plastiktüten! weil du sie sammelst!“

„Was hat das denn damit zu tun?“

„na, wenn es keine mehr gibt, sondern nur noch meine stofftaschen, kannst du sie nicht mehr sammeln!“

„Dann sammele ich halt deine Stofftaschen“, äffte Mutter ihn nach. Wobei: Das mit den kleingeschriebenen Buchstaben bekam sie nicht so gut hin. Vater lachte.

„Aber die lassen sich ja gar nicht falten.“

„jetzt will ich mir deine sammlung aber doch mal genauer anschauen!“, sagte Bruder Kolja und gab wieder Gas.

„Ihr seid wie Kinder“, stöhnte Mutter.

„Schlimmer“, sagte ich.

*

„Was ist das denn?“

Mutter schaute mich scharf an. Ich zuckte mit den Schultern. Als ich gegangen war, war die Schranktür nicht mehr zugegangen. Das war alles gewesen. Jetzt aber lagen hunderte von zerrupften Plastiktüten in der ganzen Küche herum.

„Ich war das nicht“, sagte ich in ehrlicher Entrüstung. Vater kickte mit den Füßen die Plastiktüten hin und her. Bruder Kolja kicherte eine ununterbrochene, kleingeschriebene „hahaha“-Salve in die Luft.

„Das war der Kater“, sagte ich.

„GBN“, sagte meine Schwester („Ganz bestimmt nicht“, sollte das heißen). Sie würde ihren Kater bis zum Schluss verteidigen. Wir öffneten die Schranktüren ganz. Es roch nach Katzenpisse, aber auch nach etwas anderem.

„schei-ben-ho-nig! der kater hat auf den tüten abgespritzt“, sagte Bruder Kolja.

„Der ist doch kastriert“, antwortete Vater.

„Was heißt abspritzen“, fragte ich Mutter.

„OME“, rief meine Schwester („Oh Mann, ehrlich“, sollte das heißen).

„Ich glaub‘s ja nicht“, seufzte Mutter.

„da hinten im schrank dampft was“, sagte Bruder Kolja.

„Wahrscheinlich eine chemische Reaktion“, antwortete Vater.

„Was heißt abspritzen“, fragte ich Vater.

„WDS“, rief meine Schwester („Wie das stinkt“, sollte das heißen).

„Meine schöne Sammlung“, seufzte Mutter.

„vielleicht geht’s aus, wenn eir wasser drauf kippen“, sagte Bruder Kolja.

„Lieber nicht“, antwortete Vater, „wer weiß, was dann passiert.“

„Was heißt denn jetzt abspritzen“, fragte ich Bruder Kolja.

„Schluss jetzt“, rief Mutter, „raus aus der Küche! Alle Mann!“

Als wir rausgingen, dreht sich Bruder Kolja noch einmal zu Mutter um. Doch dieses Mal verzichtete er auf Ausrufezeichen oder Großbuchstaben. Als hätte er das Farbband an einer Schreibmaschine gewechselt, war nun all das, was er sagte, rot.

„mit meinen stoffbeuteln wäre dir das nicht passiert. die könnest du jetzt waschen …“

 

 

 

 

***

 

 

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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel