Paul und seine Welt

 

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Folge 2

Die Terroristen

 
     Mit einem Mädchen aus der Nachbarsklasse im Arm ging Peymann an uns vorbei. Ohne ein Wort, ohne einen Blick. Als wären wir Luft.
     „Wie schafft der das bloß“, fragte ich Boris und schaute ihnen hinterher, „hat ‘ne Frisur wie ein Terrorist und trotzdem jeden Tag eine andere Freundin.“
     Peymann war der Älteste in unserer Klasse und echt lässig. Auch wir Jungs mochten ihn, vor allem weil keiner von uns so herumlaufen durfte wie er: lange Haare, löchrige Jeans, oben ganz eng, aber mit Hosenbeinen, die unten so weit wie ein Rock waren. Und immer trug er diese graue Armeejacke, auf der er höchstpersönlich mit einem gelben Faden das Peace-Zeichen gestickt hatte. War Peymann in der Nähe, waren wir anderen für die Mädchen nur noch Luft.
     „Das sind die neuen Zeiten“, antwortete Boris. Es war Schulschluss und mein bester Freund und ich, wir waren auf dem Weg nach Hause.
     „Was denn für neue Zeiten?“
     Von Boris konnte man immer etwas lernen. Sein Vater war Briefträger und er quatschte den ganzen Tag mit den Leuten über Gott und die Welt. Und das erzählte er dann seinem Sohn.
     „Du kennst doch Willy Brandt?“
     „Sehr witzig.“
     „Der hat auch ständig ’ne neue Freundin, oder wusstest du das nicht?“
     Davon hatte ich tatsächlich keine Ahnung. Klar, Willy Brandt hatte vor ein paar Jahren irgendwelche Verträge unterschrieben und vor ein paar Wochen hatte er zurücktreten müssen. Wer hätte das nicht gewusst? Aber seine Frauengeschichten?
     „Aber Oswald Kolle, den kennst du auch, oder?“
     Ich nickte.
     „Der war doch … ähm …“
     Ich verstummte.
     „Richtig, freie Liebe und so. Mann, Paul! Du lebst echt hinterm Mond. Wahrscheinlich denkst du auch, RAF würde ‚Rettet alle Frösche!‘ bedeuten. Frag‘ deinen Vater oder lies wenigstens Zeitung.“
     „Ich lese Zeitung!“
     „Aber anscheinend die falschen Seiten.“

 

     Mit diesen Worten bog Boris ab. Aber ich war ihm nicht böse. Er hatte ja Recht. Von Oswald Kolle und den Ostverträgen wusste ich wirklich nicht viel. Die sexuelle Revolution hatte schließlich zu einer Zeit begonnen, für die ich einfach noch zu jung gewesen war, und den Kniefall von Willy Brandt, den hatten wir damals nur im Radio verfolgen können.
     „Die ganze Welt hat‘s gesehen“, hatte Vater damals geklagt, „nur wir nicht.“
     Und deswegen, aber auch wegen der Olympiade in München, hatten sich meine Eltern einen Fernseher zugelegt. Und so hatte ich auf verschiedene Weise von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen profitiert: Ivan Rebroff im Fernsehen – obwohl der ja angeblich gar kein Russe, sondern Berliner war – und nackte Hippies im Park, die vor unseren Augen Liebe machten.
     Aber in Sachen RAF, da war ich auf der Höhe der Zeit. Und das, so nahm ich mir vor, würde ich Boris morgen sagen. Schließlich hingen in jedem öffentlichen Gebäude die Plakate mit Steckbriefen von den Mitgliedern der Roten-Armee-Fraktion. Ihre Gesichter und Namen kannte ich mittlerweile auswendig, aber vor allem wusste ich über ihre Frisuren Besch … aber natürlich!
     Ich blieb stehen, drehte mich um und ging zu Vater in den Salon. Keine Ahnung, wie Willy Brandt an seine Freundinnen gekommen war. Vielleicht hatte das was mit Macht zu tun. Aber was Peymann konnte, das konnte ich schon lange.

 

*

 

     Schon als ich klein war, hatte mich Vater zu Demonstrationen mitgenommen. „Willy wählen“, war irgendwann der Anlass gewesen und ich hatte mein Möglichstes dafür getan. „Hoch die internationale Solidarität“, hatte ich mitgebrüllt und später in der Schule mit der Forderung „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh - Hi-Hi-Hitzefrei“ geglänzt.
Ich hatte damals auch nicht gewusst, dass Willy Brandt ein Frauenheld war. Aber ich hatte das Gefühl gehabt, dazuzugehören, Teil des Protestes zu sein, auch wenn meine Frisur – so wie heute – immer perfekt ausgesehen hatte. Kein Wunder, bei dem Vater.
     Mein Vater hatte ein anderes Motiv gehabt. „Politik“, hatte er einmal gesagt, „interessiert mich nur, wenn die Kundschaft sich auch dafür interessiert.“ Und bei den Demos würde er, so Vater weiter, allein aus geschäftlichen Interessen mitlaufen: Das Friseurhandwerk war nämlich in eine Krise geraten, weil auf einmal die meisten Männer langhaarig und vollbärtig gewesen waren.
     „Dem Frisör geht’s heut’ schwör“, hatte Vater manchmal gesagt und dabei bitter gelacht, doch gerade deswegen war ich mir sicher gewesen, er hätte es nicht ertragen, wenn sein Salon leer geblieben wäre.
     Und so war er zu einen von denen geworden, die Bruder Kolja, ein Freund meiner Mutter, immer schon kritisiert hatte. Vater hätte Politik mit Kapitalismus zu korrumpieren versucht, hatte Bruder Kolja behauptet, nachdem Vater den Demonstranten kleine Zettel mit seinen Sonderkonditionen zugesteckt hatte.

 

     Als eines Tages Wachtmeister Klenke im Friseursalon erschienen war und eines seiner Steckbriefplakate hatte aufhängen wollen, hatte Vater hilflos mit den Schultern gezuckt. Dieses RAF-Plakat aufzuhängen, hätte bedeuten können, die gerade frisch gewonnenen, langhaarigen Kunden wieder zu verlieren. Gleichzeitig waren aber Wachtmeister Klenke und seine Kollegen ebenfalls gern gesehen.
     In das Schweigen, das entstanden war, weil Vater nicht gewusst hatte, was er sagen sollte und Wachtmeister Klenke wippenden Fußes gewartet hatte, dass etwas gesagt wird, hatte ich meine Stimme erhoben.
     „Das geht nicht.“
     „Bitte?“
     „Das ist doch Anti-Werbung. Schauen Sie sich doch mal die Frisuren an. Wer kommt denn dann noch hier rein?!“
     Das war der Moment gewesen, in dem Wachtmeister Klenke mich über den wahren Charakter von Terroristen aufgeklärt hatte. Über ernste Themen soll man keine Scherze machen, hatte er abschließend gesagt. Dabei hatte ich das ganz ernst gemeint.
     Kurioserweise war das Plakat dem Umsatz meines Vaters keineswegs abträglich gewesen. Etliche Langhaarige waren seitdem genau deswegen in seinen Salon gekommen, hatten auf eines der Fotos gedeutet und gesagt: „Ungefähr so lang will ich sie auch haben.“

 

*

 

     Im Friseursalon starrte ich nun genau auf dieses Plakat und merkte gar nicht, dass Vater schon seit einer Weile hinter mir stand.
     „Sag‘ bloß, du hast einen von denen gesehen?“
     „Quatsch“, antwortete ich, „aber weißt du, wie schnell Haare wachsen?“
     Vor ein paar Tagen hatte ich hier gesessen und zu ihm gesagt, er solle sie kurz schneiden.
     „So ungefähr einen Zentimeter im Monat.“
     Ich zog an meinem Pony. Keine Chance.
     „Na, das dauert dann wohl noch.“ 
     Vater musterte mich ausführlich.
     „Geht’s um ein Mädchen?“
     „Blödsinn“, sagte ich, aber trotzdem fing Vater zu lächeln an.
     „Ich weiß zwar nicht, was du vorhast, Paul, aber wenn du nicht warten kannst, dann besorg ich dir ‘ne Perücke.“
     Ich sah, wie überrascht er war, als auf meinem skeptisch dreinschauenden Gesicht plötzlich ein Strahlen auftauchte. Als hätte er gedacht, ich würde ihn nicht ernst nehmen. Mein Vater! Der hatte vielleicht manchmal Ideen!
     „Gut“, sagte ich, „das machen wir.“

 

     Als Vater aus der Abstellkammer mit einem Karton zurückkam, aus dem er eine Perücke mit „echten langen braunen Haaren“ zog, wurde ich unsicher. Schon von weitem roch sie nach Haarspray, so wie die Böse Omi. Außerdem waren da Locken, überall Locken. Das aber war noch nicht das Schlimmste, wie sich zeigen sollte. Sie kratzte unglaublich, als ich sie aufsetzte.
     „Die Locken kann ich dir rauskämmen“, sagte Vater, „aber das Kratzen? Na, da muss ich dir wohl die Haare abschneiden.“
     Er holte sein Friseurbesteck und den Schurapparat. Ich schaute in den Spiegel, drehte mich, mit der Perücke auf den Kopf, hin und her, und stellte mir vor, wie ich morgen früh das Klassenzimmer betreten würde.

 

*

 

     Die Mädchen kreischen. Die Jungens schreien „Paula“. Ich setze mich auf meinen Platz und zwinkere der Verena zu. Sie verdreht die Augen. Frau Ludwig, unsere Deutschlehrerin, murmelt etwas von Fasching im Sommer. Ansonsten sagt sie nichts.
     Ich schaue mich nach Peymann um. Er ist noch nicht da. Er kommt oft zu spät. Boris streichelt mein Haar. Er flüstert mir zu, dass die Locken, für die Vater so unendlich lange Zeit gebraucht hat, sie herauszukämmen, wieder zu sehen seien.
     Ich reiße mir die Perücke vom Kopf. Augenblicklich wird es still.
     „Der hat ja eine Glatze“, murmelt einer der Jungen.
     „Wie eklig“, sagt eines der Mädchen.
     Gleichzeitig geht die Tür auf. Peymann. Wie immer in der Armeejacke. Und die Haare: glatt, blond, ungewaschen. Er sieht mich an, kommt auf mich zu und tätschelt mir den Kopf.
     „Geil, Paul“, sagt er, „absolut geil!“
     Ich habe keine Ahnung, was er damit meint, aber zur Sicherheit lächele ich.

 

*

 

     „Sag‘ mal“, sagte ich zu Boris, als wir uns am Morgen auf dem Weg zur Schule trafen, „wie hat das eigentlich der Willy Brandt gemacht?“
Boris schaute mich fragend an.
     „Na, das mit den Frauen. Wie hat er das geschafft? Mit so kurzen Haaren?“
     „Keine Ahnung. Woher soll ich das denn wissen? Aber an seiner Frisur lag‘s sicherlich nicht. Dieser komische Büschel vorne …“
     Automatisch fuhr ich mir durch die Haare. Wie gut, dass sie noch dran waren.
     „Dann lebst du also auch hinterm Mond“, sagte ich zu Boris, „frag' doch mal deinen Vater. Oder lies Zeitung …“

 

 

***

 
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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel