Paul und seine Welt

 

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Folge 3

Großvaters Erbe

 

Mein Großvater war gestorben, genau sechs Monate nach dem Tod seiner Frau, meiner Kleinen Oma. Um sie hatte ich sehr getrauert und vor allem ihre Redensarten und Sinnsprüche vermisste ich. Mit meinem Großvater aber, dem „Herrn Professor“, wie wir ihn nach seiner Pensionierung hatten nennen müssen, war ich nie richtig warm geworden.  

Als er noch der „Herr Direktor“ gewesen war, hatte er seinen Tag minutiös nach den Schalterstunden seiner Bank ausgerichtet und meinem Vater, der nicht Bankkaufmann hatte werden wollen, das Leben schwer gemacht. Diese Haltungen hatte er auch als „Herr Professor“ beibehalten.

Einmal zu Weihnachten hatten er und die Kleine Oma mir eine Holzeisenbahn, eine Schaffnermütze und eine Kelle geschenkt. 

„Gleich sechs“, hatte Großvater nach einem Blick auf die Uhr gesagt, „Zeit für‘s Abendessen.“

Die Nachricht war bei mir auf taube Ohren gestoßen, zu sehr war ich mit den Geschenken beschäftigt gewesen. Doch da war der „Herr Professor“ resolut geblieben: Die Kelle, die Mütze und die Holzeisenbahn wurden wieder eingepackt und mir im folgenden Jahr ein zweites Mal auf den Gabentisch gelegt. Doch zu dem Zeitpunkt hatte ich schon das Interesse an Holzeisenbahnen verloren. Deswegen hatten wir dann eine pünktliche Weihnachtsgans gehabt.

*

Von der Testamentseröffnung kam Vater nachdenklich nach Hause. Sein jüngerer Bruder hatte auf das Erbe verzichtet. Er hatte sich von der Familie losgesagt, wohnte jetzt in Bayern und trug Lederhosen.

„Er spricht sogar schon so. Ich habe ihn kaum wiedererkannt“, erzählte Vater und seufzte. „Das ganze Mobiliar! Und die Fotoausrüstung. Man kann das doch nicht alles wegschmeißen. Das ist meine Vergangenheit!“

Mutter beruhigte ihn.

„Warum holen wir es nicht und stellen es in die Garage? Wir haben doch sowieso kein Auto. Ich glaube eh nicht, dass einer von uns jemals den Führerschein machen wird.“

Meine Schwester fand das blöd. In der Garage traf sie sich oft mit ihren Freundinnen. Sie zogen dann das Tor herunter und von draußen hörte man sie kichern. Aber ich war ganz scharf auf den Sessel vom „Herrn Professor“ und auf den alten Schreibmaschi­nentisch, den man auf jede Größe herunter- oder heraufkurbeln konnte. Total praktisch!

*

Vater telefonierte mit meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter. Der hatte nämlich einen Führerschein, und weil er ein freischaffender Philosoph war und sich gerade mit dem Werk von einem Chinesen namens Konfuzius beschäftigte, hatte er auch Zeit, uns zu helfen. Am Telefon drückte er meinem Vater sein Beileid aus.

„Ich habe ihn stets nur vorwärts gehen sehen. Niemals sah ich ihm bei Erreichtem stehenbleiben.“

Als Vater daraufhin auf die Hörmuschel starrte, lachte Mutter.

„Du weißt doch, er redet gerne in Zitaten. Und bis auf die Tatsache, dass er einem dabei fast mit dem Zeigefinger durchbohrt, ist er ganz harmlos.“

„Und ich? Darf ich auch mit?“

Vater sah mich lange an, als prüfe er, ob ich mit meinen zwölf Jahren eine Hilfe sein könnte oder ein Klotz am Bein wäre.

„Einverstanden“, sagte er schließlich, „dein Onkel ist der Fahrer, ich schleppe die Möbel und du … du bist der Logistiker. Du musst alles berechnen: wie groß der Lastwagen sein muss, wann wir tanken müssen, wie lange wir überhaupt brauchen werden. Und Brote, wir brauchen viele Brote!“

*

„Hallihallo“, begrüßte uns mein Onkel, als er früh am Morgen klingelte, „zu einem guten Ende gehört auch ein guter Beginn“

„Ebenso“, brummte Vater. Mein Onkel hatte einen Medizinball als Kopf und ein chronisches Rückenleiden, was bei seiner großen, dünnen Gestalt dazu führte, dass er wie eine Stehlampe aussah, wenn er auf einen – selbst auf Vater – herunterschaute.

Gemeinsam machten wir uns in einem gemieteten Lastwagen auf den Weg nach Hannover. Es war eine lange Strecke, so wie ich es berechnet hatte. Doch weil der Lastwagen nicht das neueste Modell war, war mein Zeitplan schon nach einer halben Stun­de Utopie. Mein Onkel aber saß wie ein König hinterm Lenkrad und genoss die Fahrt.

„An einem edlen Pferd schätzt man nicht seine Kraft, sondern seinen Charakter.“

„Hört, hört“, brummte Vater. Ich aber fand meinen Onkel großartig und überlegte sogar, ob er der Nachfolger meiner Kleinen Oma werden könnte. Er quatschte die ganze Hinfahrt, denn „den ganzen Tag mit anderen zusammen zu hocken, verantwortungslos zu reden und Dummheiten auszuhecken, mit solchen Leuten hat man’s schwer“.

Darauf sagte Vater nichts. Er biss in ein Brot und verzog das Gesicht.

„Was hast denn du da drauf geschmiert? Butter ist das nicht.“

Ich zuckte zusammen. Schon der zweite Fehler als Logistiker. Ich hatte meine andere Großmutter, die Böse Omi, gebeten, mir beim Schmieren zu helfen. Hatte sie etwa ihre Diätmargarine verwendet? Sie war zu allem fähig …

*

In Hannover begann Vater, die Möbel herunter zu tragen, und mein Onkel lud alles in den Lastwagen. Als er mit einem unglaublich schweren Buch kam, klappte Vater fast zusammen.

„Und ich habe immer gedacht, dass Träume leicht sein würden“, stöhnte er und zeigte auf den Titel: Zettel’s Traum.

„Du solltest dich freuen“, belehrte mein Onkel ihn mit Hilfe seines Zeigefingers, „es ist besser, ein Licht zu entzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.“

Vater wischte den Schweiß von der Stirn.

„Wenn du damit meinst, dass ich das Buch lesen soll, hast du dich getäuscht. Selbst mein Vater hat es nie ganz gelesen. Komm und hilf mir, alles herunterzutragen. Einräumen können wir später.“

Mein Onkel schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Daumen über die Schulter auf seinen krummen Rücken.

„Auch wenn der Körper sagt ‘Mehr!’, sagt der Geist: ‘Morgen’.“

Also half ich meinem verärgerten Vater, aber die alte schwere Schreibmaschine, auf der ich die Absicht hatte, die großartigsten Geschichten zu schreiben, nahmen wir nicht mit – ebenso wie viele andere Dinge, weil der Lastwagen etwas zu klein war. Ich erntete dafür einen strengen Blick meines Vaters.

*

„Schön, dass du hilfst, Paul“ sagte mein Onkel, als Vater mit einem Buch in der Toilette verschwand, „ist man nicht fleißig in der Jugend, wird man im Alter traurig sein.“

„Warum redest du eigentlich so seltsam“, fragte ich. Er schaute mich ernst an.

„Wenn Worte ihre Bedeutung verlieren, verlieren Menschen ihre Freiheit.“

Ich grübelte lange darüber nach. Es war wirklich nicht einfach, sich mit jemanden zu unterhalten, bei dem man immer um drei Ecken denken musste. Aber dann wusste ich, was mein Onkel meinte. Er sah sich als ein Mann des Wortes und nahm sich deswegen das Recht heraus, so zu reden wie er wollte. Das war seine Freiheit. Selbst wenn es schräg klang.

„Ja“, antwortete ich, „vielleicht ist da was dran. Aber trotzdem verstehe ich nur die Hälfte von dem, was du sagst. Ich halte mich lieber an Mathematik und so. Schließlich bin ich der Logistiker.“

*

Spät am Nachmittag fuhren wir zurück. Der Wagen war voll beladen und hatte Mühe, die Kasseler Berge zu überqueren, aber mein Onkel war zuversichtlich.

„Es ist nicht von Bedeutung, wie langsam du gehst, solange du nicht stehenbleibst.“

„Jetzt reicht’s“, brummte Vater. Er streckte wie mein Onkel den Zeigefinger in die Luft. „Wer in seinen Worten nicht maßvoll ist, von dem ist kaum zu erwarten, dass er handelt, wie er spricht.“

Ich war sprachlos und mein Onkel ebenfalls. Vater zwinkerte mir zu. Er hielt das Buch in die Höhe, das er auf der Toilette gelesen hatte: Worte des Konfuzius – aus dem Buch der Gespräche.

„Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, ist es sinnlos, miteinander Plä­ne zu machen“, erwiderte mein Onkel, was dazu führte, dass Vater wie wild in dem Buch blätterte.

Moment, ah, da! Essen und Beischlaf sind die großen Begierden des Mannes“, las er hastig und murmelte, „falsche Seite, Mist!“

„Stimmt die Sprache nicht, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist“, sagte mein Onkel spitz. Vater warf mir das Buch zu, und während ich darin blätterte, schaute er für lange Zeit aus dem Fenster.

*

Kurz vor der Wetterau war es wieder mein Onkel, der den Zeigefinger hochhielt.

Oh je! Wer Entscheidungen nicht plant, sondern sich erst darum kümmert, wenn die Entscheidung fallen muss, handelt zu spät.“

„Was meint er damit“, fragte mich Vater. Ich blickte ins Buch und dann auf das Armaturenbrett.

„Er meint, dass der Tank alle ist.“

Und tatsächlich blieben wir drei Kilometer vor der nächsten Raststätte liegen. Vater sah mich fragend an.

„Hattest du nicht ausgerechnet, dass der Diesel ausreicht?“

„Ich … ähm … habe wohl nicht daran gedacht, dass er mehr verbraucht, wenn er voll ist.“

„Wer einen Fehler begeht und ihn nicht korrigiert, der begeht einen weiteren Fehler“, versuchte mich mein Onkel zu trösten, aber irgendwie hörte es sich nicht passend an. Er schaltete das Warnlicht an. Es leuchtete schön Orange in der Dunkelheit.

„Jetzt muss einer von uns zu Fuß zur Tankstelle gehen“, sagte mein Vater.

„Ich bin noch ein Kind“, sagte ich schnell.

„Was bleibt über vom Heldentum? Ein verfallener Hügel, bewachsen mit Unkraut“, versuchte es mein Onkel, doch Vater war unnachgiebig.

Eine Stunde später war mein Onkel wieder da und goss aus einem Kanister Diesel in Tank. Vater hatte in der Zeit geschlafen und ich hatte vergeblich überlegt, wie ich mein Ansehen bei ihm wieder herstellen könnte.

„So“, sagte mein Onkel und schwang sich hinter das Steuer, „es geht weiter! Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“

*

Tief in der Nacht kamen wir zu Hause an. Mein Onkel rollte in die Einfahrt und machte eine Vollbremsung. Der Lastwagen war zu hoch für das Vordach, das über unserer Haustür als Wetterschutz befestigt war.

„Dann schleppen wir halt das ganze Zeug von hier bis in den Hof“, sagte Vater. Ich hörte aus seiner Stimme heraus, wie resigniert er war.

„Lassen wir doch die Luft aus den Reifen, und zwar so viel, bis wir durchfahren können“, schlug ich vor. Ich konnte spüren, wie mein Ansehen auf einmal wieder wuchs.

„Mein Junge“, sagte Vater stolz, und tatsächlich: Nachdem wir etwas Luft abgelassen hatten, passten wir durch. Doch als wir den Wagen ausgeräumt und die Möbel in der Garage verstaut hatten, wurde er natürlich leichter und somit höher als zuvor. Doch selbst als wir die restliche Luft aus den Reifen herausließen – wieder mein Vorschlag –, kamen wir unter dem Dach nicht durch.

„Ich kann nicht mehr“, sagte Vater.

„Über das Ziel hinausschießen, ist ebenso schlimm, wie nicht ans Ziel kommen“, meinte mein Onkel dazu. Ich musste Vater festhalten, damit er sich nicht auf ihn stürzte. Zum Glück kam Mutter gerade herunter und lief auf uns zu.

„Oh je“, sagte ich, „wenn Ameisen und Frauen in Eile sind, droht immer ein Erdbeben.“ Das war definitiv der beste Spruch, den ich in Konfuzius‘ Buch gefunden hatte. Während Vater herumbrüllte, zog sie ihren Bruder mit sich, um mit ihm nach oben zu gehen. Über die Schulter rief er meinem Vater aufgeregt noch etwas zu.

„Wird man gebraucht, erfüllt man seine Pflicht. Wird man nicht mehr gebraucht, so zieht man sich zurück.“

Und Mutter sagte zu Vater, er solle lieber in der Garage übernachten.

*

Am nächsten Tag ließ Vater ein paar Handwerker kommen. Sie montierten das Vordach ab. Jubelnd fuhr mein Onkel die Ausfahrt hinaus. Und während die Handwerker das Dach wieder anbauten, machte sich mein Vater mit einem Taxi auf den Weg zu einer Werkstatt. Er musste vier neue Reifen kaufen. Wir hatten vergessen, sie wieder aufzupumpen. Sie hatten die kurze Fahrt ohne Luft nicht überlebt.

„Du und Technik“, sagte Vater später zu mir, „das ist wie Marmelade und Senf. Ihr passt nicht zueinander.“

„Indem man über andere schlecht redet, macht man sich selbst nicht besser“, sagte ich, aber das war definitiv die falsche Antwort. Konfuzius war momentan tabu. Vielleicht hätte ich besser in dieses riesige Buch, Zettel’s Traum, schauen sollen …

 

***

 


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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel