Paul und seine Welt

 

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Folge 11

Nie wieder Handkäs!

 

Über Nacht hatte Peymann sich verändert. Das wirre Haar war gestutzt und er trug ein weißes Hemd, das er sogar in die Hose gestopft hatte.

„Was ist denn mit dem los, fragte Boris.

Vielleicht ist er verliebt“, antwortete ich. Das sagten wir immer, wenn jemand irgendwie anders war als vorher. Meistens half es. Meistens sagte derjenige darauf: „Was für ein Quatsch!“ Meistens wurde er dann wieder normal.

Als Peymann am nächsten Tag wieder in diesen Klamotten in die Schule kam, trug er sogar eine Mütze, so eine wie unser Kanzler Helmut Schmidt. Und er hatte ein Schulbrot dabei.

„Mit Gelbwurst drauf.“ Er biss ab.

„Bis gestern bist du doch noch – wie heißt das? – Vegetarier gewesen?“ Peymann schaute mich so ernst an wie nie zuvor.

„Hessische Gelbwurst, Paul! Deutsches Essen schmeckt einfach besser als Pizza, Hamburger oder Nasi Goreng. Sagt mein Vater auch!“

Sein Vater. Der hatte eine Apfelweinwirtschaft gleich um die Ecke vom Friseursalon meines Vaters. Er war verärgert, weil Vater und die anderen Geschäftsmänner der Straße sich immer in der Pizzeria Da Pino trafen, anstatt in Peymanns Kneipe Grüne Soße zu essen. Das war eigentlich das Lieblingsessen meines Vaters. Aber ihm sei einfach die Melancholie vom Pizzabäcker lieber, „und du weißt ja: Apfelwein!“ Vaters Magen war sehr empfindlich.

*

Von meinem letzten Taschengeld kaufte ich nach der Schule Eis, aber richtig schmecken wollte es Boris und mir nicht. Peymann war immer wild, chaotisch und rebellisch gewesen – und schlecht angezogen. Muffig gerochen hatte er auch oft. Aber wenn einer von uns weltoffen war und für die Freiheit anderer eingetreten ist, dann er. Doch jetzt war alles anders.

„Ich glaube, ich weiß warum“, sagte Boris. Wir gingen in Richtung Grüneburgweg. Dort lag Peymanns Kneipe und zwei Häuser weiter gab es eine neue Pizzeria: Ristorante Rimini. Sie hatte erst vor kurzem aufgemacht.

„Siehst du?“

Boris zeigte auf eine Deutschlandfahne, die an der Tür hing. Auf die Fensterscheibe hatte Peymanns Vater mit weißer Farbe „Deutsche Küche!“ gemalt. Vielleicht war das eine Antwort auf das Schild, das vor dem Ristorante Rimini stand: „Pizza – eine Alternative aus Italien.“

*

Am Montag kam Chiara aufgeregt in die Schule. „Sie haben unsere Fenster beschmiert!“

Nach dem Unterricht gingen wir hin. „Italiener raus!“ hatte jemand auf die Fenster von der Pizzeria Da Pino gemalt und darunter eine Buchstabenkombination: ein H, ein E, dann G und I, ein D und ein A. Alles mit einer Aufforderung versehen, dass man dabei mitmachen solle.

„Unglaublich“, sagte Boris, nachdem wir das eine Weile angeschaut hatten, „wer tut so was?“

„In der Sowjetunion haben die das auch gemacht, wenn man nicht kommunistisch genug war“, sagte Ivo, „deshalb sind wir weggezogen.“

„Bei uns auch.“ Ich dachte an die Nazizeit.

„Habt ihr eine Ahnung, was das heißen soll?“ Chiara hatte Tränen in den Augen.

„Ich hole meine Schwester, die weiß das.“

*

„LMIRP“, sagte meine Schwester, als ich an ihre Zimmertür klopfte. Sie war eine Meisterin in Sachen Abkürzungen – P, das war ich, und das davor hieß „Lass‘ mich in Ruhe!“.

Ich rüttelte an der Klinke. Abgeschlossen. Also erzählte ich ihr durch die Tür, was ich von ihr wollte, aber das war ein Fehler. Bis vor kurzem war sie nämlich mit Luigi Da Pino, dem Sohn vom Pizzabäcker und Chiaras Bruder, zusammen. Doch der hatte jetzt eine neue Freundin und meine Schwester lag auf dem Bett und weinte. Schon seit Tagen.

„DKMM!“, sagte sie ("Du kannst mich mal!"), doch ich gab nicht auf.

„Aber du bist einfach die Beste darin. Und wenn Luigi da ist, haue ich ihm eine aufs Maul!“

„MKB“, hörte ich sie leise stöhnen ("Mein kleiner Bruder!"), aber dann kam sie doch mit.

*

Boris, Ivo und ich gingen aufgeregt vor den beiden Mädchen auf und ab. Chiara saß mit meiner Schwester auf dem Vorgartenmäuerchen des Hauses gegenüber und sie starrten auf die Fensterscheibe. Meine Schwester hielt dabei Chiaras Hand. Ich fand das übertrieben.

„Und was jetzt“, flüsterte Ivo mir zu, „sie sitzt da schon ‘ne halbe Stunde!“

„Wart’s ab.“ Ich war nervös. Käme Luigi jetzt, wäre alles vorbei. Sie würde wieder weinen.

„Vielleicht ist das ja auch ein Name für eine Tiefkühlpizzafirma“ meinte Boris, „so wie DR. ÖDKA oder WAGNA. Konkurrenzkampf!“

„Blödsinn.“

„Da fehlt was“, sagte meine Schwester.

„Du weißt wirklich, was das heißt?!“

„NIDGE.“ Ich übersetzte das ("Natürlich, ist doch ganz leicht.") meinen Freunden und fragte mich, warum ich ihre Abkürzungen verstand, die am Fenster aber nicht.

„Da fehlt ein D.“ Deswegen vielleicht?

„Jetzt sag‘s schon“, drängelte Chiara.

„Das heißt: Handkäs-Esser gegen die Italianisierung deutschen Abendbrots. HEGIDA!“

„Wow“, machte Boris.

„Ich verstehe überhaupt nichts“, sagte Ivo.

„Seht ihr“, sagte ich, „meine Schwester! HEGDIDA. Der das geschrieben hat, hat das ‚die‘ nicht abgekürzt.“

„Naja“, sagte Ivo, „vielleicht spricht es sich so einfach besser aus. Ohne das D.“

„Ihr wisst aber schon, wer das war“, meinte Chiara jetzt. Wir schauten sie ratlos an. „Peymann oder sein Vater natürlich. Die haben das bestimmt auch auf die Scheiben von der neuen Pizzeria geschrieben.“

Chiara hatte Recht. Auch beim Ristorante Rimini waren die gleichen Sprüche auf die Fensterscheibe gemalt, als wir dort ankamen.

„Da staunt ihr, was?“ Peymann stand mit seinem Vater vor dessen Gastwirtschaft. Beide hatten die Arme verschränkt und schauten uns herausfordernd an.

„Isch hab nix gesche Pizzabäcker. Aber bitteschön in Italien und net hier. HEGIDA!“, rief Peymanns Vater und ging zurück in die Kneipe. Peymann kam auf uns zu.

„Heute Abend machen wir die erste Montagsdemo. Gegen Pizza und Pasta. Wir haben das Recht dazu. Wir sind nämlich das Volk!“

*

Etwa vierzig Menschen mit Transparenten und Plakaten liefen gegen sechs Uhr abends vom Ristorante Rimini zur Pizzeria Da Pino und riefen „Flaaschworscht! Widerstand! Keine Pizza auf die Hand!“

„Keine Pizza nach sechs!“, „HEGIDA!“ und „Italiener, go home!“ stand auf den Transparenten. Wir saßen in der Pizzeria und schauten zu.

Ristorante Rimini! Dass ich nicht lache! Dieser blöde Jugo“, sagte Herr Da Pino und meinte damit den Mann, dem die neue Pizzeria gehörte. Der war erst vor kurzem hierhergekommen. „Alles seine Schuld! Der hätte in Dubrovnik bleiben sollen!“

„Eine Schande, dass sie Essen instrumentalisieren“, sagte Vater, „Handkäs ist für jeden da, genau wie Pizza oder Fleischwurst! Aber keine Sorge, Paul, das beruhigt sich schon wieder.“

„Verkauf‘ doch einfach deine Pizzas vor sechs Uhr“, meinte Doktor Wolff.

„Aber ich mache doch erst um fünf auf.“

Ich starrte sie an. „Was sagt ihr denn da?“

„Weißt du, Paul“, sagte Doktor Wolff, „mit denen kann man sowieso nicht reden. Und in ein paar Tagen ist der Spuk ohnehin vorbei.“

„Aber das ist doch feige!“

„Nein, das ist weise.“ Mein Vater nahm seinen Freund in Schutz. „Menschen mit so einer extremen Meinung muss man ins Leere laufen lassen, sonst macht man sie größer und stärker, als sie in Wahrheit sind.“

Ich dachte nach. Meiner Bösen Omi gegenüber hatte er immer ganz anders argumentiert. „Ihr hast du doch immer vorgeworfen, dass sie damals nichts gegen die Nazis getan hat.“

„Das kann man nicht vergleichen, Paul.“

*

Später, im Bett, geisterte immer noch das Bild von Chiara in meinem Kopf herum. Wie sie an der Schulter ihres Vaters geweint und er immer wieder „dieser blöde Kroate“ gemurmelt hatte. Das konnte nicht so bleiben! Chiara sollte wieder lächeln. Und ich wollte dafür sorgen.

Ich kletterte aus dem Bett und ging zu meiner Schwester. Sie strahlte mich an. Luigi, so hatte sie erfahren, hatte schon vor Tagen mit dem anderen Mädchen Schluss gemacht. Er hatte sich aber nicht getraut, es ihr zu sagen.

„EISS!“ ("Er ist so süß!")

‚Vielleicht hat er ja Angst vor deinen Abkürzungen‘, wollte ich schon sagen, ließ es aber bleiben. Ich hatte nämlich Angst vor ihnen.

„Du musst mir helfen“, sagte ich und erklärte ihr meinen Plan. „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ So beendete ich meinen Monolog und ich hatte das Gefühl, dass sie beeindruckt war.

„LMMKN.“ ("Lass' mich kurz nachdenken.") Zum Glück dachte sie dieses Mal schneller als vor der Pizzeria. „Ich hab’s: Pizza-Esser gegen impertinente deutsche Ansichten.

Ich überlegte. „PEGIDA? Nicht schlecht. Aber was heißt impertinent?“

„Ach Paul! Anstrengend heißt das, oder respektlos. So wie du manchmal, nur schlimmer.“

Ich grinste. Genau das Richtige! Sobald etwas abgekürzt wird, klingt es bedeutender als vorher.

*

„Versteht ihr“, erklärte ich am nächsten Morgen den anderen, „wir kaufen Pizza, blockieren den Eingang von der Kneipe und brüllen PEGIDA, während wir die Pizza essen. Pizza-Esser gegen impertinente deutsche Arschlöcher!“ Ich hatte den Vorschlag meiner Schwester etwas verschärft.

„Was heißt impertinent“, fragte Ivo.

„Ach Ivo! Anstrengend oder respektlos, so wie du manchmal, nur schlimmer.“

„Ihr seid echt richtige Freunde“, sagte Chiara. Ich grinste Boris an, aber der sah nachdenklich aus.

„Was ist, Boris? Willst du kneifen?“

„Ich weiß nicht“, gab er zu, „kürzt man was ab, wird es dadurch doch auch nicht besser.“

Ich wunderte mich ein bisschen, aber auch ohne ihn waren ja genug. Auf meinen Plan war ich sehr stolz: Jeder kaufte einfache eine Pizza, die kostete ja nicht viel, und dann … dann fiel es mir ein: Ich hatte mein Taschengeld ja schon längst ausgegeben! Da überredete ich alle anderen und war selbst Pleite. So ein Mist!

Zu Hause rief ich Mutter bei der Arbeit an. „Nein“, war ihre Antwort, „keinen Vorschuss.“ Vater konnte ich nicht fragen und meine Schwester zeigte mir einen V, als ich sie anpumpte. Ich ging zu Mutters Schreibtisch. In der Schublade, in der sie manchmal Geld aufbewahrte, lag tatsächlich ein Zehn-Mark-Schein. Der Ärger, den ich später bekommen würde, war mir die Sache wert. Ich steckte ihn ein.

*

Wir waren fünfzehn Kinder.

Wir saßen auf dem Bürgersteig vor Peymanns Kneipe.

Wir aßen Pizza.

Wir riefen „PEGIDA!“

*

Immer wieder trug Peymanns Vater einen von uns weg, aber der Weggetragene war sofort wieder da. Die Stammgäste, die gestern mitdemonstriert hatten, waren ratlos. Gegen Kinder wollten sie nichts tun. Aber ich sah ihnen ihre Erleichterung an, als unsere Eltern kamen – die von Ivo, mein Vater und der von Chiara, sogar Herr Pröll, der Vater von Henning-Johann-und-so-weiter, war da. In kürzester Zeit brach ein gewaltiger Streit aus. Alle schrien sich an.

„Das hast du fein hingekriegt, Paul“, sagte Vater verärgert, „jetzt ist das ganze Viertel in den Streit verwickelt.“

„PEGIDA“, rief ich ihm zu. „Nie wieder Handkäs!“

Chiara saß neben mir und wir hielten uns an den Händen. Es war toll! Aber dann kam die Polizei. Die beiden Beamten versuchten, uns klar zu machen, dass sie Verstärkung holen würden, wenn wir nicht aufhörten. Eine Sekunde lang war es ruhig, dann wurden wir noch lauter als zuvor. Und kurz darauf flog ein Stein in die Fensterscheibe von Peymanns Kneipe

*

Nachdem das Glas auf den Boden gescheppert und in tausend Stücke zerbrochen war, wurde es wirklich still. So still, dass wir eine Fahrradklingel hören konnten. Boris‘ Vater kam auf seinem Postfahrrad angefahren und hinten drauf saß: Boris! In einer Hand hatte er ein großes Stück Pizza, in der anderen einen Handkäs. Wir sahen ihm zu, wie er vom Gepäckträger sprang und sich mitten in die Kampfzone setzte.

„He“, sagte er laut, „kann mir mal einer sagen, was besser schmeckt?“

Ich wollte gerade „Pizza“ rufen, aber ich zögerte. Der Handkäs von Peymanns Vater war auch ziemlich gut, er benutzte nämlich Zitronensaft anstatt Essig. Außerdem hielt mir Chiara den Mund zu. „Pst“, machte sie. Warum bloß?

„Dieser blöde Handkäs“, sagte Boris, als die Marinade von seiner Hand tropfte, „ekelhaft.“

„Stimmt net“, sagte Peymanns Vater.

„Doch, und besonders der Kümmel. Der kommt doch aus Ägypten, oder?“

„Ei, woher soll ausgereschnet isch des wisse“, brummte Peymanns Vater.

„Und die Pizza ist auch nicht aus Italien!“

„Ist gar nicht wahr“, sagte Chiaras Vater, „die Dosentomaten habe ich importiert.“

„Und das Mehl?“

Chiara lachte. Ich drehte mich zu ihr um und sah sie erstaunt an.

„Dein Freund Boris ist echt gut“, flüsterte sie. Ich drückte ihr fest die Hand.

„Und was soll ich jetzt essen? Deutsches Mehl oder ägyptischen Kümmel?“

Boris hielt das Essen in die Höhe und jeder, also wirklich jeder, starrte nun die beiden Väter an. Denen blieb gar nichts anderes übrig, als zu Boris zu gehen. Doch auch als sie bei ihm standen, wussten sie nicht, was sie tun sollten. Und dabei schauten sie sich sogar an! Sprachlos.

Da kam mir eine Idee! Ich lief zu Boris. Ich nahm ihm die Pizza aus der Hand. Ich legte den Handkäs drauf und hielt ihm die neu erfundene Pizza Handkäs hin. Boris nahm sie, biss rein und verzog das Gesicht.

Alle lachten, auch Herr Da Pino, auch Peymanns Vater. Der nahm den Pizzabäcker beiseite. „Mit Handkäs geht des net. Aber isch hätt‘ da so ’ne Flaaschworscht, also vom feinsten…“

Peymann hingegen schaute Boris wütend an. „Das mit dem Kümmel ist eine Lüge“, rief er, „das hast du doch aus der Zeitung!“

„Und die Zitrone“, fragte ich, „ist die etwa hessisch?“

„Dann nimmt mein Vater halt wieder Essig!“

„Ach, Peymann“, sagte Peymanns Vater.

*

Abends rief mich meine Mutter zu sich.

„Warst du an der Schublade?“ Ich nickte.

„Eine Pizza kostet vier Mark. Wo ist das Restgeld?“

„Das hat Peymanns Vater“, gab ich zu, „wir haben zusammengelegt, damit er sich eine neue Fensterscheibe kaufen kann.“

***

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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

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Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

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