Paul und seine Welt

 

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Folge 10

Faschingszoll

 

Die Verena hatte ihren Eltern Geld gestohlen. Doch die hatten das gemerkt. „Ist mir egal, wie du das machst, hat mein Vater zu mir gesagt, aber das Geld bekommen wir wieder.“

„Krass“, sagte ich, „wie viel war es denn?“

„Fünfzig Mark“, schluchzte sie.

„Spinnst du? So viel Geld!“

„Nein, so viel ist es gar nicht“, sagte Boris.

„Das kann doch jedem passieren“, sagte Ivo.

„Was wolltest du denn damit?“ Auf meine Frage brach Verena erst richtig in Tränen aus.

„Mensch Paul, jetzt sei doch nicht so hart“, sagte Boris und Ivo nickte.

„Das kann jedem passieren“, wiederholte er.

„Ach, ich will sterben“, klagte die Verena. Ich verdrehte die Augen und wandte mich ab.

„Keine Sorge, wir helfen dir“, sagte Ivo, „alle für einen!“

Ich drehte mich wieder um und flüsterte entgeistert: „Wie sollen wir das denn schaffen?“

„Ist doch ganz einfach“, sagte Boris, „wir machen Faschingszoll.“

„Faschings-was?“ Da Ivo ja erst seit einem Jahr in Deutschland war, konnte er nicht wissen, was für einen Unsinn wir noch bis vor zwei Jahren gemacht hatten.

„F-a-s-c-h-i-n-g-s-z-o-l-l“, wiederholte Boris Buchstabe für Buchstabe, „wir verkleiden uns, stellen uns an eine Kreuzung und jedes Auto, das vorbei kommt, muss uns Geld geben, wenn es weiterfahren will.“

„Mitten im Mai, oder was?“ Verzweifelt hob ich die Hände. Aber sie sahen mich so eindringlich an, dass ich nur noch seufzen konnte.

„Na schön, dann halt Faschingszoll …“

*

Ich trug meine Cowboysachen. Aber leider war ich in den letzten zwei Jahren ziemlich gewachsen. Überall war es eng und spannte. Ich überlegte kurz, „Peng, peng!“ zu rufen, ließ es aber sein. Es durfte mir keinen Spaß machen. Außerdem war die Verena dabei, die größte Klatschtante der Klasse, und da war, selbst wenn wir diesen Unsinn für sie machten, Vorsicht angesagt. Sie selbst trug übrigens einen gestreiften Schlafanzug.

„Häftling“, erklärte sie. Ivo klatschte in die Hände. Er hatte eine viel zu große Armeeuniform an. „Von meinem Vater. Hat er aus Russland mitgenommen. Du bist also meine Gefangene!“

Boris trug einen weiten schwarzen Umhang und einen Zylinder. Er hatte ein Vampirgebiss im Mund. Seine Mutter hatte ihm blutige Tränen unter die Augen gemalt. Er schmollte.

„Ich wollte das gar nicht. Aber sie hat darauf bestanden.“ Und zu mir flüsterte er: „Vielleicht hast du ja doch Recht. Wir sind zu alt dafür, oder?“

„Das habe ich gehört“, sagte Ivo, „und nix da: Wir brauchen das Geld. Für Verena!“

Sie lächelte ihn dankbar an. Und Boris schmollte noch mehr.

*

Wir trabten los.

„Wo gehen wir hin?“, fragte Verena.

„Naja, am besten zu der Kreuzung, wo wir auch das letzte Mal waren. Unterlindau, Ecke Staufenstraße. Jungs, das waren fünfzig Mark damals. So viel, wie wir jetzt auch brauchen!“

Ich verzichtete darauf, Boris daran zu erinnern, dass uns mehr als die Hälfte davon sein Vater gegeben hatte. Dreimal war er mit seinem Fahrrad an uns vorbeigefahren und beim letzten Mal hatte er den Zehnmarkschein einfach nur noch in die Luft geworfen.

„Pech gehabt“, sagte ich vielleicht ein bisschen zu fröhlich, als wir die Kreuzung erreichten. Der Asphalt war aufgerissen. Ein Kran beförderte ein riesiges Abflussrohr in ein ausgegrabenes Loch. Die Kreuzung war gesperrt.

„Ich weiß noch eine andere gute Stelle“, sagte Boris und diesmal lächelte die Verena ihn an.

*

Wir bauten uns in der Freiherr-vom-Stein-Straße auf, direkt bei der Westendsynagoge mit ihren schwarzen Außenwänden.

„Das kommt noch vom Krieg“, erklärte ich.

„Was für ein Krieg“, fragte die Verena.

„Der große vaterländische Krieg“, sagte Ivo.

„Quatsch“, sagte ich, „Zweiter Weltkrieg.“

„Mann“, sagte Boris, „ihr habt wohl beide nicht aufgepasst. Das war doch derselbe.“

Vor der Synagoge parkte ein Polizeiwagen. Ich wusste, dass sie da jeden Freitag standen, wenn die Leute in den Gottesdienst gingen.

„Besser, wir fragen“, sagte Boris. Er klopfte an die Scheibe. „Guten Tag. Ist es in Ordnung, wenn wir hier Faschingszoll machen?“

„Im Mai?!“

„Wir brauchen das Geld.“

„Na dann, viel Erfolg.“ Die beiden Polizisten lachten.

„Vielleicht sollten wir es doch lassen“, meinte Boris, „die lachen uns ja alle aus.“

„Nein“, sagte ich, denn ausgelacht zu werden, das konnte ich auf den Tod nicht leiden. „Jetzt erst recht. Kommt, ich teile euch ein.“

*

Nach einer Weile stoppten wir den ersten Wagen. Ein alter Mann mit Bart und einem seltsamen Hut, der für seinen Kopf viel zu klein war, saß darin. Ivo als Soldat hielt mit seinem Gewehr Verena in ihrem gestreiften Pyjama in Schach. Boris stellte sich mitten auf die Straße. Ich klopfte an die Scheibe und sagte fröhlich „Faschingszoll!“ Der alte Mann reagierte nicht. Er saß reglos hinter seinem Lenkrad.

Ich zog meinen Revolver und klopfte damit an das geschlossene Fenster.

„Faschingszoll! Faschingszoll“, rief ich immer wieder. Boris in seinem Vampirkostüm fletschte ein paar Meter vor dem Auto die Zähne und hinderte ihn an der Weiterfahrt.

„Faschingszoll! Faschingszoll!“ Ivo zielte jetzt auf die Verena, die theatralisch ihre Hände hob. Ich lachte und tanzte auf der Straße.

„Faschingszoll! Faschingszoll!“ Plötzlich fuhr der Mann los und direkt auf Boris zu. Ich rannte zu ihm hin und schubste ihn w…

*

Ich zog meinen Revolver und klopfte damit an das geschlossene Fenster.

„Faschingszoll! Faschingszoll“, rief ich immer wieder. Boris in seinem Vampirkostüm fletschte ein paar Meter vor dem Auto die Zähne und hinderte ihn an der Weiterfahrt.

„Faschingszoll! Faschingszoll!“ Ivo zielte jetzt auf die Verena, die theatralisch ihre Hände hob. Ich lachte und ging hinter das Auto.

„Faschingszoll! Faschingszoll!“ Plötzlich fuhr der Mann los und direkt auf Boris zu. Irgendwie schaffte ich es, ich rannte zu ihm hin und schubste ihn w…

*

Ich zog meinen Revolver und klopfte damit an das geschlossene Fenster.

„Faschingszoll! Faschingszoll“, rief ich immer wieder. Boris in seinem Vampirkostüm fletschte ein paar Meter vor dem Auto die Zähne und hinderte ihn an der Weiterfahrt.

„Faschingszoll! Faschingszoll!“ Ivo zielte jetzt auf die Verena, die theatralisch ihre Hände hob. Ich ging, weil ich pinkeln musste, ganz weit weg.

„Faschingszoll! Faschingszoll!“, rief ich aus der Ferne. Plötzlich fuhr der Mann los und direkt auf Boris zu. Ich zog den Reißverschluss zu, hechtete zu ihm hin, ich wusste, ich würde zu spät kommen, aber wie durch ein Wunder flog ich durch die Luft und schubste Boris w…

*

„Jetzt reicht’s! Wieso tust du nicht, was ich will?“

„Wer bist du“, fragte ich.

„Ich bin der Autor. Und jetzt aus dem Weg. Nicht du sollst sterben, sondern Boris.“

„Warum soll Boris sterben“, fragte ich entgeistert. „Überhaupt: Was soll das hier alles?“

„Jetzt mach‘, dass du fortkommst. Stell dich nicht so störrisch an. Schließlich bist du nur meine Erfindung.“

„Ich bin was?!?!“

„Meine Erfindung. Du machst, was ich schreibe. So ist das in der Literatur.“

„Da musst du mich schon wegtragen. Oder wegradieren! Literatur – so ein Blödsinn.“

Ich setzte mich auf die Straße und verschränkte die Arme. Zur Sicherheit kniff ich mir in den Arm. Es tat ziemlich weh, aber es bewies, ich war da. Komisch aber war, dass alle anderen wie versteinert waren. Boris, Ivo, die Verena, der alte Mann und die beiden Polizisten – keiner von ihnen bewegte sich mehr!

„He, Boris“, rief ich, „wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“ Esel, sollte er jetzt antworten, aber nichts …

„Siehst du“, sagte ich und tippte in die Tasten, „du bist nur eine Erfindung. Ihr alle lebt nur durch mich.“

„Ich verstehe kein Wort.“

„Na, schau doch, wenn ich schreibe, du sollst den Arm heben, dann hebst du den Arm.“

Ich hob den Arm, keine Ahnung, warum.

„So und jetzt die Beine.“

Ich hob abwechselnd Arme und Beine, wie ein Hampelmann.

„Jetzt lass das doch mal!“

„Hast du es jetzt verstanden?“

Ich nickte. „Aber wenn du glaubst, ich lasse Boris sterben, dann hast du dich getäuscht. Eher sterbe ich.“

„Nein, Boris muss sterben. Das gehört schließlich zur Geschichte.“

„Wie, das gehört zur Geschichte?“

„Ja, zum Roman, den ich schreibe. Boris stirbt. Du bekommst dann Schuldgefühle und haust ab. Nach Italien vielleicht, das weiß ich noch nicht genau.“

Ich überlegte kurz und schüttelte den Kopf. „Nein, da mache ich nicht mit. Da musst du dir schon etwas anderes ausdenken.“

„Mensch Paul, du hast keine Wahl. Du machst doch sowieso, was ich will.“

„Na, das werden wir ja sehen…“

*

Ich zog meinen Revolver und klopfte damit an das geschlossene Fenster.

„Faschingszoll! Faschingszoll“, rief ich immer wieder. Boris in seinem Vampirkostüm fletschte ein paar Meter vor dem Auto die Zähne und hinderte ihn an der Weiterfahrt.

„Faschingszoll! Faschingszoll!“ Ivo zielte jetzt auf die Verena, die theatralisch ihre Hände hob. Ich lachte laut. Die Polizisten stiegen aus ihrem Wagen. Sie nahmen mich mit und ich musste mich hinten auf die Rückbank setzen. Ich rüttelte an der Tür. Sie ging nicht auf!

„Faschingszoll! Faschingszoll!“ Plötzlich fuhr der Mann los und direkt auf Boris zu. Fünf Meter, vier Meter, er wurde immer schneller.

„Boris, renn!“, schrie ich, wie ich noch nie geschrien hatte.

Und Boris rannte. Um Haaresbreite fuhr der Wagen an ihm vorb…

*

„Siehst du“, sagte ich, „ich werde immer Boris retten.“

„Ich könnte dich vorher nach Hause schicken.“

„Dann würde ich Boris mitnehmen.“

„Dann lass‘ ich dich halt stolpern und du wirst ohnmächtig.“

„Und wer brüllt dann ‚Faschingszoll?“

„Na schön.“ Ich kapitulierte. Der blöde Bengel ging mir langsam auf die Nerven. Aber ich wusste, das durfte nicht sein. Er war schließlich der Held in meiner Geschichte und ich musste ihn mögen, sonst könnte ich das Buch gleich vergessen.

„Was schlägst du vor?“

Ich kratzte mich am Kopf. „Die Geschichte ist doch sowieso blöde. Faschingszoll im Mai – viel zu konstruiert. Und darüber hinaus kriegst du eh Ärger, wenn du vor einer Synagoge ein Kind überfahren lässt. Auch darum rette ich Boris.“

Was für ein raffinierter Schachzug, fand ich.

„Lass‘ das mal meine Sorge sein“, tippte ich trotzig. Hatte er vielleicht Recht und ich war zu weit gegangen?

„Jaja, am Ende kommst du noch ins Gefängnis und was wird dann aus mir?“

„Haha! Jetzt hast du also verstanden, dass du nur meine Erfindung bist.“

„Wäre ich am liebsten nicht“, murmelte ich.

Ich bekam Panik. Was nun? Nicht nur ich musste ihn mögen, er musste auch mich mögen. Verflixt, manchmal war Schreiben echt kompliziert!

*

„Ich habe eine Idee“ rief ich, „los, du Autor, komm mit. Ich zeige dir was.“

Ich lief die Straße entlang, bog dann an der Litfaßsäule, auf der große Plakate für das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft im Waldstadion geklebt waren, in unsere Straße und führte ihn zu unserem Haus. Am Mäuerchen vor unserem Vorgarten stand unser Nachbar, Herr Bartoldy Junior.

„Was hat der denn da?“

„Das ist seine Schildkröte. Er geht mir ihr spazieren.“

„Aha“, sagte ich.

Ich nahm den Autor mit ins Haus und ging mit ihm die Kellertreppe herunter.

„So, wir sind da. Siehst du das?“ Ich zeigte auf den Schriftzug an der Wand: ‚Ruhe bewahren‘. „Das war hier der Luftschutzkeller. Jetzt ist der Heizungskessel drin. Warm, oder?“

Ich nickte. Nicht schlecht. Der Keller. Die Fußball-WM. Und dann noch der seltsame Nachbar mit seiner Schildkröte. So langsam formte sich eine Idee.

„Könntest du dir vorstellen, hier unten ein paar Tage verbringen“, fragte ich vorsichtig.

„Mit Boris?“, fragte ich.

„Natürlich allein.“

„Na gut.“

„Aber unter einer Bedingung. Ich schreibe den Roman. Und du wirst tun, was ich dir sage.“

„Gut, aber ich habe auch eine Forderung.“

„Okay?“

„Boris darf nicht sterben.“

„Einverstanden.“ Ich zögerte kurz. „Er nicht.“

***

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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel