Paul und seine Welt

 

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Folge 4

Aller guten Dinge

 

„Du musst dich entscheiden, Paul“, sagte Boris, „nicht wir.“

Er und Ivo saßen mir gegenüber und beschäftigten sich mit ihren Pausenbroten. Ich hatte keins dabei. Aber dafür hielt ich zwei Kinokarten in den Händen. Die hatte mein Vater mir geschenkt: Die drei Musketiere. Und ich Idiot hatte beiden davon erzählt.

„Na los“, meinte Ivo und zog die Augenbrauen hoch. Das machte er oft, wenn ihm was nicht passte. „Sag‘ doch, dass du lieber Boris mitnehmen willst. Wie immer.“

„Stimmt doch gar nicht.“

Doch es war wahr. Boris war einfach mein bester Freund, wir verstanden uns blind. Aber vielleicht wäre es lustiger, mit Ivo in diesen Mantel-und-Degen-Film zu gehen. Mit ihm konnte man die entscheidenden Filmszenen einfach besser nachspielen. Boris hatte andere Qualitäten.

„Also: Verzichtet einer freiwillig?“

Ich schaute Boris an. Ob er überhaupt Die drei Musketiere sehen wollte? Der letzte Film, in den er mich geschleppt hatte, hieß Jeremy. Da ging es um einen Jungen in New York, der Cello spielt und sich in eine Mitschülerin verliebt, die Balletttänzerin ist. Was sollte man dazu sagen? Aber so war Boris halt.

„Ich muss den nicht unbedingt sehen“, meinte er jetzt passenderweise, und fast hätte ich die Sache für erledigt betrachtet.

„Ich auch nicht“, sagte Ivo.

„Soll ich jetzt alleine gehen, oder was?“

„Nein, natürlich würde ich schon mitkommen“, sagte Boris, und Ivo: „Ich auch.“

„Oh, Mann!“ Ich stöhnte. „Drei ist einfach ‘ne blöde Zahl. Drei sind einer zu viel.“

Ich hatte diesen Satz einfach so in den Raum geworfen. Dass man ihn falsch verstehen konnte, merkte ich erst, als ich Ivo anschaute: Seine Augenbrauen waren jetzt auf Rekordhöhe.

„Wieso denn“, fragte er, „Die drei Fragezeichen sind auch drei Freunde …!“

„Die haben bestimmt auch noch nie vor so einer Entscheidung gestanden“, murmelte ich dazwischen.

„…wie auch Die Drei von der Tankstelle“.

„Die haben sich gestritten“, sagte Boris.

„Ja, aber um eine Frau, nicht um Kinokarten.“ Das wurde mir hier langsam zu blöd. Irgendwie schien es auf einmal um mehr als nur um zwei Kinokarten zu gehen.

„Wir streiten doch nicht“, erwiderte Ivo.

Drei Männer im Schnee“, sagte Boris.

Drei Mann in einem Boot.“ Wieder Ivo.

„Wenn einer von euch jetzt noch einmal die Zahl drei ausspricht, dann …“

„Was dann?“

*

Ja, was dann? Wenn man so eine Drohung ausspricht, sollte man vorher wissen, was dann dem „dann“ folgen könnte. Drei Pünktchen reichen da nicht. Ich wünschte mir schon fast, mein Vater hätte mir die beiden Karten nicht geschenkt. Aber woher hätte er wissen sollen, dass das zu solchen Problemen führte? Doch auf einmal fiel mir eine Lösung ein.

„… dann gebe ich euch beiden einfach die Karten.“

„Was?“ – „Und was ist dann mit dir?“ – „Das geht doch nicht!“

Ich bekam gar nicht genau mit, wer was sagte. Aber eins wurde mir klar: Alles, was die beiden hier taten oder sagten, war nur Taktik. Die waren in Wahrheit total scharf auf den Film. Ich konnte doch sehen, wie die beiden sich freuten, nachdem ich das gesagt hatte. Die würden mich opfern, nur damit sie ins Kino gehen konnten.

„Und ob das geht. Sind schließlich meine Karten. Mit denen kann ich machen, was ich will. Selbst zerreißen könnte ich sie. Werdet ihr schon sehen.“

„Wieso bist du jetzt eigentlich sauer?“ Boris drehte sich weg und Ivo hatte seine Augenbrauen mittlerweile bis zur Zimmerdecke hochgezogen. Ich schaute auf die Karten in meiner Hand.

*

Unsere Musiklehrerin Frau Markus – eine große blondierte Frau mit kräftiger Stimme und wehendem Gang – kam ins Klassenzimmer.

„Guten Morgen, Kinder“, rief sie, worauf wir alle stöhnten. Kinder! Als wären wir hier in einer Grundschule! Aber sie wedelte jeden Widerspruch einfach mit den Händen fort.

„Schnickschnack, auf eure Plätze. Heute machen wir mal etwas Besonderes. Ihr verratet mir eure Lieblingslieder.“

Die Mädchen auf der anderen Seite des Klassenzimmers tuschelten. Ich aber blieb stumm. Wenn Frau Markus dazu aufforderte, etwas zu tun, dann sollte man auf der Hut sein.

„Na los“, sagte Frau Markus, „wer von euch traut sich?“

Boris und Ivo rückten näher zusammen: So saß ich jetzt genau im Blickfeld von Frau Markus. Allein!

„Na, dann suche ich mir halt jemanden aus.“ Frau Markus blickte sich in der Runde um. Bitte nicht mich, dachte ich.

„Verena?“

Ich atmete auf. Jetzt konnte ich wieder über das eigentlich Wichtige nachdenken, darüber, wie es dazu hatte kommen können, dass so eine dicke Freundschaft wie die zwischen Boris, Ivo und mir auf einmal Risse bekommen hatte. Und das wegen so einer Kleinigkeit. Oder durfte man sich Freundschaften gar nicht so sicher sein, wie ich immer dachte?

*

Währenddessen war Frau Markus auf die Verena zugegangen. Die stand nun auf, lief rot an und begann zu stottern: „Das Tor zum Garten der Träume, das geht auf, wenn du es siehst und es führt ins Paradies …“

„Was ist das denn?“, flüsterte ich.

„Bernd Clüver“, antwortete Ivo. Ich sah ihn erstaunt an. Dass er so etwas wusste! „Mensch Paul, das war doch auf Platz sieben in der Hitparade.“

„Wie schön, Verena“, sagte Frau Markus, „aber du musst es natürlich vorsingen.“

Um sie herum fingen die anderen Mädchen zu kichern an, während die Verena sich flehend nach Hilfe umsah.

„Ich liebte ein Mädchen in Mexiko, die hat einen runden sexy Po“, flüsterte Boris plötzlich. Die Zeile stammte aus einem Lied von Ingo Insterburg. Wir konnten es auswendig.

„Ich kann nicht, Frau Markus“, brachte die Verena schließlich heraus.

„Ich liebte ein Mädchen in Ägypten, so lang bis die Pyramiden wippten.“

Das war Ivos Lieblingsstrophe, die er uns da jetzt zuraunte.

„Das ist aber schade, Verena. Na gut, setz dich wieder.“

Und dann, wie das unter Freunden halt so war, schauten die beiden mich an …

„Ich liebte ein Mädchen in Langen, wir spielten vorher Fangen.“ Das hatte ich selbst gedichtet. Ich war mächtig stolz, als Boris den Daumen hob.

„Wen könnte ich mir denn stattdessen aussuchen?“

Wie ein Tiger schlich Frau Markus durch den Raum, während Ivo auch den Daumen hob. Vielleicht könnte ich unseren lächerlichen Streit einfach durch diesen Quatsch beenden? Also setzte ich noch einen drauf.

„Ich liebte ein Mädchen aus Bockenheim, die stöhnte in meine Socken rein.“ Boris und Ivo prusteten laut los.

„Paul, komm‘ doch bitte mal hier her.“

*

Sofort war alles still, als Frau Markus auf mich zeigte. Ich duckte mich. Ich tat, als wäre ich versteinert. Nichts half …

„Los, Paul.“

Unendlich langsam stand ich auf und trottete nach vorne. Gleichzeitig überlegte ich fieberhaft, was jetzt passieren würde, was ich dagegen tun müsste, ob Boris und Ivo mir irgendwie aus der Patsche helfen könnten, ob ich eine plötzliche Übelkeit vortäuschen sollte …

Frau Markus fasste mich von hinten an den Schultern und stellte mich vor die anderen, die erwartungsvoll schauten, was als nächstes passiert. Kein kuscheliger Konjunktiv II mehr, den wir vor kurzem im Deutschunterricht gehabt hatten, sondern eiskalte Realität …

„Paul, du wirst uns jetzt dein Lieblingslied vorsingen.“

„Was?!“ Ich drehte mich zu ihr um.

„Das wirst du doch wohl können? Oder habe ich mich gerade verhört? Ihr habt doch darüber gesprochen. Ein Lied. Irgendeins. Im Frühtau zu Berge oder Hoch auf dem gelben Wagen.“

„Aber Frau Markus …“

„Schnickschnack, nun mach‘ schon!“

Sie ging ein wenig in Knie, um auf meiner Höhe zu sein, und klatschte langsam und rhythmisch in die Hände. Was sollte ich tun? Das Lied von Ingo Insterburg zu singen, das ging definitiv nicht.

„Na? Ich warte …“

Ich durchwühlte mein Gehirn, ob mir irgendetwas einfiel, das mich nicht als Deppen dastehen lassen würde. In meiner Verzweiflung schaute ich zu Boris und Ivo, doch die feixten und schnitten Grimassen. Meine Freunde!

„Auf der Mauer …“, fing ich an und brach ab. Wieso musste mir ausgerechnet das als erstes einfallen?! Zu peinlich.

„Oh, wie schön! Sing‘ weiter!“

*

Man kennt das Lied: Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ‘ne kleine Wanze, und so weiter. In der zweiten Strophe lässt man dann den letzten Buchstaben von Wanze, also das „e“, weg, beim dritten Durchgang dann das „z“ – ach herrje!

Ich hatte keine Chance, ich sang alle sechs Strophen, begleitet vom rhythmischen Klatschen von Frau Markus, das in einem wilden Applaus von meinen Klassenkameraden endete.

„Zugabe“, rief Ivo und pfiff auf seinen Fingern. Zur Strafe musste er zu mir nach vorne kommen und zu zweit sangen wir das ganze Lied noch einmal!

Als wir fertig waren, sah ich Boris an. Er war rot angelaufen, um nicht laut loszulachen. Aber so, wie er mich anschaute, begriff ich plötzlich, dass er eine Idee hatte. Hoffentlich hielt er den Mund. Frau Markus war für ihre Strafmaßnahmen berüchtigt.

„Aller …“, fing er jetzt an.

„Bitte nicht, Boris“, rief ich leise.

„Was hat er denn jetzt vor“, flüsterte Ivo neben mir.

„… guten …“

„Wenn du uns etwas zu sagen hast, Boris, dann steh bitte auf“, sagte Frau Markus.

„… Dinge …“

Und Boris stand auf! Ivo zog die Augenbrauen hoch … ich auch.

„… sind …“

„Boris!“, schrien Ivo und ich gleichzeitig.

„…drei!“

*

Nach dem Musikunterricht saßen wir wieder zusammen.

„Warum hast du das gemacht?“ Ich verstand die Welt nicht mehr. Es war doch klar gewesen, dass er auch nach vorne hatte kommen müssen, um mit uns zum dritten Mal das Lied zu singen.

„Sagt bloß, ihr habt es nicht verstanden?“ Boris sah Ivo und mich triumphierend an. Ivo nickte und hob den Daumen. Ich überlegte noch, aber nicht, warum Boris das getan hatte, sondern warum Ivo nickte. Was wusste er, was ich nicht wusste?

„Ich geb‘ auf“, gab ich schließlich zu.

„Mensch, Paul! Das ist doch das Beste an dem Film, den wir sehen wollen. Ich habe das Buch gelesen und deshalb weiß ich, was die drei Musketiere sich schwören.“

Einer für alle, alle für einen“, rief Ivo und tat so, als würde er einen Degen in die Höhe halten.

„Richtig! Einer für alle, alle für einen. Ist doch egal, wer wessen bester Freund ist. Und weil ihr beiden schon habt leiden müssen, wollte ich es auch. Das ist Freundschaft! Da geht man durch dick und dünn.“

„Genau“, sagte Ivo.

„Na prima, ihr beide kennt also schon das Buch. Dann kann ich mir ja für den Film jemand anderen suchen.“

“D’Artagnon vielleicht?“ Ivo lachte.

„Oder die Verena. Deine Chance, Paul: Ihr Tor zum Garten der Träume, das geht auf, wenn du mit ihr ins Kino gehst

„Sehr witzig, Boris.“

„Quatsch“, sagte er, „im Grunde ist es doch ganz einfach. Wir kaufen eine dritte Karte. Aller guten Dinge sind drei!“

Einer für alle“, fing Ivo noch einmal an und zu dritt beendeten wir den Schwur. Unglaublich, auf was für geniale Ideen Boris, mein bester Freund, immer kam!

 

 

***

 


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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel