Paul und seine Welt

 

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Folge 9

Nach dem Tod

 

Seit Tagen war Boris irgendwie seltsam. Er redete kaum noch, lachte nicht mehr, die Mundwinkel hingen herunter. Ich versuchte, ihn mit allen möglichen Familiengeschichten aufzuheitern.

„Die Frau meines Onkels ist farbenblind. Deswegen zieht sie immer nur graue Klamotten an. Sie hat Angst, sie würde sonst wie ein bunter Papagei herumlaufen. Und den Führerschein darf sie auch nicht machen. Na?“

Ich schaute Boris erwartungsvoll an. Normalerweise würde jetzt ein schlauer Spruch von ihm kommen. Aber heute: nichts.

„Na, wegen der Ampeln, Rot-Grün, verstehst du?“

Ich ließ dem noch weitere Geschichten folgen, dichtete meinem Vetter einen Klumpfuß an und meiner Tante eine Warze im Gesicht mit zwei ewig langen schwarzen Haaren. Doch all das half nichts. Boris blieb seltsam. Und wenn man nicht weiß, warum jemand seltsam ist, dann kann man ihm nicht helfen. Vor allem, wenn auch die Geschichten immer schlechter werden …

*

Zu Hause erzählte ich meinem Vater davon.

„Ihr seid doch die besten Freunde, oder?“

Ich nickte.

„Na, dann lass‘ ihm etwas Zeit. Beste Freunde erzählen sich schon irgendwann, was sie bedrückt.“

Ich war mir sicher, dass das normalerweise ein guter Rat war. Aber nicht für mich. Ich würde verrückt werden, wenn ich nur abwarten sollte und nichts tun durfte. Genauso erzählte ich es Vater.

„Ach Paul, ich weiß genau, was du meinst. Schließlich kenne ich dich ja schon seit zwölf Jahren. Aber vielleicht ist es ja für Boris das Beste, wenn du ihm Zeit gibst.“

Also erzählte ich Boris weiterhin meine Anekdoten und tat so, als würde es mir nichts ausmachen, wenn er nicht auf sie reagierte. Mensch, er hat noch nicht mal gesagt, ich solle den Mund halten, oder so. Es war ungelogen die schwerste Zeit in meinem Leben!

*

Zwei Tage später, wir waren auf dem Weg nach Hause, hörte ich Boris Luft holen.

„Sag mal, Paul, gibt es eigentlich ein Leben nach dem Tod?“

„Mensch, Boris, ich könnte dich umarmen! Du redest wieder. Was bin ich froh!“

Dann aber ging mir auf, was er da eben zu mir gesagt hatte.

„Was … aber … warum fragst du das?“ In meinem Kopf schwirrten auf einmal unendlich viele Gedanken. „Bist du krank?“

„Quatsch, ich will es nur einfach wissen.“

„Und da fragst du mich?“ Ich hob theatralisch die Arme. „Der einzige, der nicht in den Religionsunterricht geht, sondern zusammen mit irgendeinem lustlosen Lehrer in einem leeren Klassenzimmer sitzen muss, bis ihr fertig mit Beten seid?“

„Ach Paul, gerade deswegen frage ich doch dich. Du bist mein bester Freund, Die anderen würden sowieso sagen, jaja, gibt es. Ich will’s aber von dir wissen.“

War das nicht schön? Von mir! Ich riss mich zusammen und überlegte lange.

„Also … ich weiß nicht so genau, wie ich es sagen soll. Aber erst einmal, der Tod ist weit weg, oder?“

Ich war erleichtert, als er nickte und mich aufforderte, weiterzureden.

„Gut. Stell dir vor, du bist alt. So wie mein Großvater, der vor kurzem gestorben ist. Und zwar genau sechs Monate nach dem Tod von meiner Kleinen Oma.“

„Ja, das hast du mir erzählt.“

„Mein Vater – und der glaubt ja noch viel weniger an Gott als ich – meinte, dass er gestorben sei, weil er mit ihr wieder zusammen sein wollte. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt oder ob er das nur erzählt hat, damit sein Tod nicht so schlimm für mich ist. Aber was ich damit sagen will: Wenn man alt ist, ist es bestimmt sehr beruhigend, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und man alle irgendwo dort oben wiedertrifft.“

Wir schauten beide eine Zeit lang in den Himmel.

„Ja, aber was, wenn man jung ist?“

„Boris, jetzt hör‘ doch mal mit diesem Mist auf!“

„Nein, jetzt sag‘ schon. Was, wenn man jung ist?“

„Na, dann will man doch gar nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Denn dann wäre man doch da oben alleine. Ohne die Eltern und vor allem: ohne den besten Freund.“

„Aber deine Großeltern wären doch da.“

„Da kann ich mir aber etwas Besseres vorstellen, als meinen Großvater wiederzusehen.“

„Aber irgendjemand muss doch den Anfang machen. So wie deine Kleine Oma. Die ist doch auch zuerst gestorben.“

„Mensch, die hat da oben ihre Schwestern wiedergetroffen, und ihre Eltern und was weiß ich, wen noch. Aber eins ist sicher.“

„Na, sag‘ schon.“ Boris drängelte.

Ich zögerte. Wie sollte ich das jetzt sagen?

„Was ist sicher?“

„Also der Geist oder die Seele oder wie man das auch immer nennt, das kann vielleicht schon weiterleben. Aber der Körper, der ist hin. Den kann man nicht mitnehmen.“

„Und wie sieht man dann aus?“

„Du kannst Fragen stellen! Vielleicht so, wie man immer schon aussehen wollte.“

Boris fing zu lächeln an.

„Das ist gut, Paul. Das ist sehr gut!“

*

Am nächsten Tag war Boris wieder so schweigsam wie zuvor. Und deswegen ging ich, nachdem wir uns wie immer an unserer Ecke verabschiedet hatten, nicht nach Hause. Ich folgte ihm heimlich.

Boris ging unendlich langsam die Liebigstraße entlang, ich nahm die parkenden Autos auf der anderen Straßenseite als Schutz. Das hätte ich mir eigentlich sparen können. Boris starrte nämlich die ganze Zeit nur auf den Bürgersteig, um dann an der Straße, in der er wohnte, einfach vorbeizugehen. Seltsam.

Schließlich bog er rechts in die nächste Straße ein, dann wieder rechts, und kurz bevor er von der anderen Seite aus an seine Straße kam, wurde er noch langsamer. Vorsichtig schaute er um die Ecke, dann wich er zurück, doch es war zu spät. Drei Jungs, die ich nicht kannte, standen plötzlich um ihn herum.

„Ach, da ist er ja …“

„Hast also wieder versucht, dich an uns vorbei zu schleichen, du Spasti!“

Ich sah, wie Boris sich duckte und irgendwie einen Weg bahnen wollte, aber die Kerle ließen ihn nicht vorbei. Dabei wedelten sie mit ihren Armen.

„Konnt-da-gar-nix für“, rief einer, der seine Hände in den Ärmeln versteckt hatte.

„Schaut mal, ich bin behindert!“ rief ein anderer und schwankte hin und her. Das gab Boris die Gelegenheit, an ihnen vorbeizukommen. Unter ihrem Hohngelächter lief er nach Hause.

*

In meinem Zimmer warf ich mich auf das Bett und starrte an die Decke. So etwas Schlimmes hatte ich noch nie gesehen. Und noch viel schlimmer war, dass ich einfach dagestanden und nichts getan hatte. Als wäre ich vor Schreck erstarrt gewesen. Mensch, was musste Boris leiden!

Boris‘ Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft das Medikament Contergan genommen, hatte Boris mir einmal erzählt. Doch das Medikament hatte schlimme Nebenwirkungen. Tausende Kinder kamen verkrüppelt zur Welt. So wie Boris. Er hatte zwei zu kurze Arme.

„Ich bin noch gut dran“, hatte er gesagt, „andere haben noch nicht mal Beine und manche sterben ganz früh.“

Das hatte ich alles vergessen! Es war mir nicht wichtig gewesen. Mir fiel es einfach gar nicht mehr auf. Boris war einfach Boris, ob mit langen oder kurzen Armen, und alle in unserer Klasse haben das auch so gesehen. Es war wie ein Schlag ins Gesicht gewesen, als die blöden Kerle sich über ihn lustig gemacht hatten.

*

Am nächsten Morgen fing ich Boris vor der Schule ab.

„Ich habe dich gestern verfolgt.“

Er schaute mich mit großen Augen an.

„Du hast es gesehen?“

Ich nickte.

„Ich kann nichts machen. Das geht schon seit Wochen so, egal, wann ich komme oder welchen Weg ich nehme.“

„Warum machen die das?“

„Das weiß ich doch nicht! Früher habe ich mich mit dem einen noch ganz gut verstanden. Aber dann ist dieser Stephan in die Straße gezogen und seitdem, naja, du hast es ja gesehen.“

„So kann das aber nicht weitergehen.“

„Ach, die hören schon irgendwann auf.“

Das glaubte ich nicht. Aber was konnte ich tun? Mit denen reden, nach dem Motto, „Jungs, ich weiß, ihr seid drei Jahre älter als ich, aber trotzdem: Hört bitte auf, meinen Freund zu ärgern.“ Nein, das würde schief gehen. Ein Plan musste her …

*

„Tschüss, Boris.“

„Bis morgen.“

Ich sah ihm zu, wie er davon trottete. Als er weit genug weg war, gab ich den anderen ein Zeichen und setzte mir diese blöde Faschingsbrille auf, bei der die Augen dreimal so groß aussehen als wie in echt.

Henning-Johann-Pröll-der-Zweite hatte den Gips von seinem Skiunfall mitgebracht, bei dem er sich das Bein gebrochen hatte.

Die Verena hatte sich ihre Jacke falsch herum, mit den Knöpfen nach hinten, angezogen. Sie machte einen Buckel und humpelte.

Ivo saß in einem Rollstuhl, der von der permanent schielenden Jacqueline geschoben wurde.

Der beste aber war Peymann, obwohl er einfach nur Grimassen schnitt. Das tat er aber so gut, da wäre selbst Marty Feldman neidisch gewesen.

Kurz und gut, alle aus unserer Klasse waren gekommen. Wie eine Bande von Zombies schlichen wir Boris hinterher. Und wie beim letzten Mal wurde er von diesen Typen abgefangen.

„Los jetzt“, rief ich und torkelte drauf los. Die anderen humpelten hinterher.

„Epilepi, aber happy!“

„Contergan-nix für!“

„Uah, ich bin blind!“

„Was tut ‘n Leprakranker in der Disco?“

„Mongo, Mongo, aus dem Kongo!“

„Er tanzt, bis die Fetzen fliegen!“

„Euthanasie? Nie! Nie! Nie!“

„Lieber Down als nazibraun!“

Wir liefen alle durcheinander, stumpten die drei Jungs hin und her, bis die irgendwann die Flucht ergriffen.

*

„Na, ob das geholfen hat?“

Boris und ich, wir winkten unseren Klassenkameraden hinterher und setzten uns auf die Bordsteinkante.

„Die werden es sich auf jeden Fall jetzt zweimal überlegen, bevor sie dich noch mal ärgern.“

Ich stieß Boris meinen Ellenbogen in die Rippen und grinste.

„Aber es ging ja vor allem darum, dir zu zeigen, wie gerne wir dich haben. Mit Armen oder mit abben Armen!“

„Ach, Paul!“

Wir umarmten uns so gut es ging.

„Danke.“

Als wir uns losließen, kicherte ich.

„Contergan-nix für! Ist irgendwie schon ganz lustig.“

„Paul!“

„Ich meine ja nur.“

„Okay, ich gebe es zu. Beim ersten Mal habe ich auch gelacht.“

*

„Und was ist jetzt mit dem Leben nach dem Tod?“ Ich sah ihn ernst an. Ob er wohl immer noch daran dachte? Boris aber lachte.

„Nur, wenn du mitmachst.“

„Haha. Lassen wir uns noch ein bisschen Zeit damit, okay?“

*

„Kennst du den: Was steht auf dem Grabstein einer Putzfrau?“

„Keine Ahnung.“

„Sie kehrt nie wieder.“

***

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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel