Paul und seine Welt

 

Folge 12 / 3 / 4 / 5 / 6 / 78 / 91011 / 12

 

 

Folge 7

Ammen-was?

 

„Liebespaar, küsst euch mal …“

Wir hatten Fünf-Minuten-Pause. Boris und ich schauten den Mädchen auf der anderen Seite des Klassenzimmers zu, wie sie sich mit einem ihrer Klatschspiele beschäftigten – wie jede Pause: Klatsch, Klatsch, Klatsch.

„Ich glaub, mein Ohr pfeift“, sagte Boris und schüttelte den Kopf. „Es geht nicht mehr weg!“

„Dann denkt wohl jemand an dich.“

Ich stupste ihn an und zwinkerte.

„Wer denn? Die Verena?“

Ivo hatte sich auf die Tischplatte gesetzt, Boris und mir gegenüber.

„Quatsch. Das ist doch nur so eine Redensart“, sagte Boris. Die Antwort kam ein wenig zu schnell, wie ich fand, denn er hatte die Verena eben gerade doch ziemlich ausführlich beobachtet.

… auf der Straße U S A …

„Nur ein Aberglaube. Oder ein Ammenmärchen.“

„Ein Ammen-was?“

Ivo war noch nicht lange in Frankfurt. Vor einem Jahr hatte seine Familie aus der Sowjetunion aussiedeln dürfen. Sie waren Wolgadeutsche, aber weil Ivo immer Russisch hatte sprechen müssen, war sein Deutsch manchmal noch etwas holprig. Aber wie er das R rollte, besonders bei dem Namen „Verrrena“, das war spitze. Und erst das V! Wie ein W! Wuuuh!

„Ein Ammenmärchen“, wiederholte Boris, „so etwas erzählen die Erwachsenen, wenn ein Kind Unfug macht.“

… noch ein Kuss, dann ist Schluss …

„Ja, genau“, sagte ich, „so wie: Wenn du schielst oder die Augen verdrehst, und in dem Moment schlägt eine Uhr oder irgendetwas anderes klingelt, dann bleiben die Augen für immer so.“

Ich zeigte es ihm. Schielen konnte ich wie kein anderer. Ivo verzog das Gesicht. Aber trotzdem: Er war beeindruckt.

„Oder: Wenn du lügst, dann kriegst du eine lange Nase …“, fing Boris an. Ich unterbrach ihn.

„… oder kurze Beine.“

„Kurze Beine?“

Ivo schaute an sich herunter. Treffer!

“Oder: Wenn man schlecht über andere redet, bekommt man Mundgeruch.”

Ivo hauchte in seine Hand und roch daran. Treffer versenkt!

„Ach, Ivo, du bist vielleicht naiv! Das erzählt man doch nur, damit die Kinder brav sind“, sagte Boris, „wenn das wahr wäre, dann würden wir doch alle stinken und hätten Stummelbeine. Nobody is perfect. Oder kennst du etwa jemanden, der noch nie schlecht über andere geredet hat oder sogar noch nie gelogen hat?“

Ivo dachte nach, während Boris und ich den Mädchen weiter zuschauten.

… weil die Braut nach Hause muss …

Langsam nervte das ganze Geklatsche.

„Es pfeift schon wieder“, murmelte Boris leise. Ich bemerkte, dass er die Verena noch mal ganz lange anstarrte. Zum zweiten Mal.

*

„Und, Ivo“, fragte Boris schließlich, „ist dir jemand eingefallen?“

„Gleich.“

„Mach‘ schon. Die Pause ist gleich um. Außerdem: Ich frage nicht noch mal. Du weißt doch, was passiert, wenn man etwas dreimal hintereinander macht?“

„Was denn?“, mischte ich mich ein. Das Ammenmärchen kannte ich noch gar nicht.

„Na, dann muss man es für den Rest seines Lebens immer wieder machen.“

„Blödsinn.“

Boris mal wieder. So ein Aufschneider.

„Bis man stirbt. Ungelogen.“

… Liebespaar, küsst euch mal …

Und genau in dem Moment schaute Boris wieder zu der Verena hin.

„He Boris, jetzt hast du sie zum dritten Mal angeschaut“, sagte ich zu ihm. „Nun musst du es für immer tun.“

„Ich schaue sie doch gar nicht an“, beschwerte er sich. Was für eine Lüge, er konnte den Blick doch gar nicht mehr von ihr lassen!

„Oh, was sehe ich denn da? Ich glaube, deine Nase wächst“, sagte Ivo. Jetzt hatte er es verstanden und ich kicherte.

„Und die Beine! Guck mal, sie werden immer kleiner!“

„Doof seid ihr. Alle beide!“

Ivo hielt sich die Nase zu.

„Boris, wie eklig, du stinkst echt gewaltig aus dem Mund!“

„Ihr seid so albern“, stöhnte Boris und verdrehte die Augen. In dem Moment klingelte die Schulglocke.

„Boris!“, riefen Ivo und ich gleichzeitig, doch es war zu spät …

 

 

 

***

 

 

Mehr von Paul und seiner Familie, von Arno Schmidt, dem Tod von Frau Schellack und warum Deutschland 1974 Weltmeister wurde, erfahren Sie ab 14. März 2016 in „Flokati oder mein Sommer mit Schmidt“, eine Geschichte über Leben und Tod, Liebe und Freundschaften in einem unvergesslichen Sommer, zu bestellen in Ihrer Buchhandlung, beim Ullstein Verlag oder unter www.buchhandel.de.

 

Abonnieren können Sie die Geschichten von "Paul und seine Welt"

mit einer Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

 

Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel