Paul und seine Welt

 

 

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Folge 5

Letzte Worte

 

„Nein.“

„D.“

„Nein!“

„D!“

„Nein!!“

Wütend stampfte meine Schwester mit dem Fuß auf und knallte anschließend die Küchentür zu. Sie redete gerne in Abkürzungen und das „D“ bedeutete „doch“. Aber das war jetzt egal. Ich hatte gewonnen! Und das galt es zu feiern. Doch dann ging die Tür wieder auf. Meine Schwester. Sie steckte den Kopf durch den Spalt.

„D!!“

Bevor ich etwas erwidern konnte, schlug die Tür wieder zu. Ich rannte hin, riss sie auf, aber meine Schwester war schon verschwunden. Mist! Jetzt stampfte ich mit dem Fuß auf. Hatte sie doch das letzte Wort gehabt … also den letzten Buchstaben. Ich seufzte, ging zur Spüle, nahm den Mülleimer und trug ihn hinunter. Warum immer ich?

*

„Mütter!“

Ich hatte keine Ahnung, was Boris mir damit sagen wollte, aber so, wie er das Wort ausgesprochen hat, konnte ich ihm nur zustimmen.

„Immer haben sie das letzte Wort.“

„Was ist denn passiert?“

Boris und ich saßen nach dem Unterricht auf unserer Bank neben der Turnhalle. Ivo war heute nicht in die Schule gekommen, warum auch immer.

„Eigentlich ist es total lächerlich“, sagte Boris, „es geht um den Müll. Ich wollte einfach nur mal diskutieren, warum immer ich unseren Mülleimer runterbringen muss. Aber ich hatte überhaupt keine Chance, auch nur ein Argument anzubringen. Meine Mutter hat alles abgewiegelt.“

Ich nickte. Mit diesem Problem war ich also nicht allein.

„Und dabei heißt es doch seit kurzem immer und überall, dass Mitspracherecht und Selbstbestimmung für alle gelten.“

„Ich kenne das“, sagte ich, „man kann reden und reden, aber denkste.“

Boris sah mich an. „Hast du etwa auch so was mit deiner Mutter?“

„Nein, aber mit meiner Schwester. Und rate mal, wem ich das zu verdanken habe?“

Boris zuckte die Schultern.

„Peymann.“

„Peymann?“

„Peymann. Das war vor drei Jahren. Bis dahin war noch alles gut. Bis dahin war es meine Schwester, die den Müll runterbringen musste …“

*

Damals lief Peymann noch nicht in löchrigen Jeans herum und hatte auch nicht jeden Tag eine andere Freundin im Arm.

Damals trug er noch ein T-Shirt mit Trimmy vorne drauf, dem Männchen von der Trimm-Dich-Bewegung. Und er machte da tatsächlich mit!

Aber vor allem: Damals war Peymann in meine Schwester verknallt, die ihn natürlich ignorierte, sie war ja älter als er.

Doch eines Tages sah ich, wie meine Schwester mit ihm auf dem Schulhof tuschelte. Ich dachte mir nichts dabei, aber als am folgenden Tag Peymann „zufällig“ am Friseursalon meines Vaters vorbeikam, während meine Schwester und ich gerade „zufällig“ auch da waren, wunderte ich mich schon.

„Hey“, rief er durch die offene Ladentür und machte seltsame Verrenkungen.

„Was machst du da“, fragte ich ihn.

„Gymnastik, Mann!“ Peymann hob den Daumen wie das Männchen auf seinem T-Shirt. „Nur in einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist.“

„Hört, hört“, sagte mein Vater, während er Haare zusammenfegte. Er war gerade ein wenig auseinandergegangen. Zu wenig Bewegung, hatte er mal zu meiner Mutter gesagt, aber sie hatte den Kopf geschüttelt: zu viel Essen.

„Ja, das kann nicht jeder. Schon mal zehn Liegestütze geschafft, Paul?“ Flugs lag Peymann am Boden und machte es mir vor.

„Pöh“, machte ich.

„Toll! Das schafft mein Bruder nicht“, sagte meine Schwester und vor Bewunderung überschlug sich ihre Stimme. Seltsam.

„Na und ob ich das schaffe!“

Ich bekam es gerade so hin. Am Schwersten aber war es, danach so zu tun, als könnte ich noch normal atmen. Peymann lächelte meine Schwester an und stellte sich vor mir auf. Dann machte er zehn Kniebeugen. Ich auch.

„Kin-der-leicht“, sagte ich und holte heimlich mehrmals Luft.

„Und kannste auch das?“ Mittlerweile stand Peymann im Salon. Er nahm einen der schweren Spiegel von der Wand und hielt ihn die Höhe, über seinen Kopf.

„Lass das“, rief Vater, „häng ihn wieder auf!“

„So war das nicht gemeint, Peymann“, rief meine Schwester.

Der aber lachte nur und verlor dabei das Gleichgewicht …

„Zum Glück ist dir nichts passiert“ sagte meine Mutter beim Abendbrot, während mein Vater immer noch vor Wut kochte.

„Wie bist du nur auf diese bescheuerte Idee gekommen?“ Damit war meine Schwester gemeint. Nachdem Peymann das Gleichgewicht verloren hatte, war ich ihm mutig zur Seite gesprungen und hatte den fallenden Spiegel aufgefangen. Unter der Last war ich zusammengebrochen, der Spiegel aber war heile geblieben. Und dann hatte Peymann zugeben müssen, dass meine Schwester ihn dazu angestachelt hatte.

„IWDNDIMWSPIUEAMDMRK.“

Ich war sprachlos. Das war mit Abstand die längste Abkürzung, die ich jemals von ihr gehört hatte.

„Weißt du, was das bedeuten soll“, fragte mich Mutter. Ich schüttelte den Kopf.

„Womit habe ich diese Kinder bloß verdient“, stöhnte Vater.

„Ich habe doch gar nichts getan“, beschwerte ich mich.

„Ich Wollte Doch Nur, Dass Ihr Mitbekommt, Wie Stark Paul Ist Und Er Auch Mal Den Mülleimer Runtertragen Könnte“, übersetzte meine Schwester.

„Mann-Mann-Mann“, sagte Vater, „wie­so könnt ihr euch nicht einfach wie normale Menschen verhalten? Eure Mutter und ich, wir machen das doch auch. Gibt es ein Problem, diskutieren wir das aus. Ganz in Ruhe.“

„Pöh“, machte meine Mutter.

*

„…ohne Peymann hätte sich nichts geändert“, erklärte ich Boris, „aber seit diesem Tag müssen wir es wie unsere Eltern machen. Ganz genauso so. Und das heißt: Wer das letzte Wort hat, der hat Recht.“

„Und?“, fragte Boris. Ich hob die Hände.

„Sie hat immer das letzte Wort. “

„Krass“, sagte Boris und ich nickte ernst. Wir schwiegen eine Weile, jeder versunken in die eigenen Gedanken.

„Aber weißt du“, sagte Boris in die Stille, „wir haben es ja noch gut. Bei uns geht es nur um Müll. Aber bei Ivo …“

„Ja, in seiner Haut möchte ich nicht stecken.“

Ivo hatte es gerade gar nicht leicht. Seit einiger Zeit hing in seiner Familie der Haussegen schief…

*

Ivos Vater war ein erfolgreicher russischstämmiger Architekt. Wegen seiner Liebe zum Kommunismus, die er trotz seiner Aus­wanderung nicht abgelegt hat, hat er Kindergärten kindgerecht und Stadtteilbibliotheken lesefreundlich gebaut – bis er seiner Familie selbst ein Haus entwerfen wollte.

„Familienfrrreundlich, wisst ihr“, erzählte er uns einmal mit seinem russischen Akzent. Ich war von diesem „rrr“ sehr angetan.

Doch dann hat seine Frau so lange an seinen Zeichnungen herumkritisiert, bis das Haus ihren Wünschen entsprach. Ivos Vater gab daraufhin seinen Beruf auf und meldete sich arbeitslos: Sie hatte ihn sämtlicher Phantasie beraubt.

„Nix mehr drrrin im Kopf, wisst ihr“, sagte er danach zu uns und fasste sich an die Stirn. Das „rrr“ klang dabei ganz traurig.

*

… Ivo hatte uns erzählt, dass seine Eltern nicht mehr miteinander sprachen. Das war noch schlimmer als streiten. Und zum ersten Mal, seit ich mich erinnern kann, gingen Boris und ich schweigsam heim. An unserer Ecke aber, an der wir uns immer verabschiedeten, ergriff ich dann doch das Wort.

„Ich habe genug davon, dass die anderen immer das letzte Wort haben. Du wirst sehen, ab heute werde ich mich durchsetzen!“

„Pass bloß auf, Paul“, antwortete Boris, „sowas kann auch schnell schiefgehen.“

„Ach was! Ab heute werde ich so bockig und penetrant sein, als wäre ich erst acht.“

*

„Sag‘ deinem Sohn, er soll damit aufhören“, schimpfte Vater.

„Sag‘ du es ihm doch“, keifte Mutter zurück. Seitdem ich aus der Schule gekommen war, hatte ich alles in Frage gestellt. Und mehr noch, ich hatte dabei immer das letzte Wort gehabt. Aber es könnte sein, dass ich gerade, als es darum gegangen war, wer abtrocknen sollte, ein wenig übertrieben hatte.

„Menschenschinder“, hatte ich meine Eltern angeschrien. Und jetzt stand ich im Flur und horchte durch die Küchentür, was sie sich meinetwegen alles an den Kopf warfen. Das ging so weit, dass Vater wütend die Küche verließ. Mutter rannte ihm hinterher.

„DBSEA“, sagte meine Schwester.

„Ich bin kein Arschloch“, erwiderte ich.

„D!“

„Du kannst mir mit deinen Abkürzungen den Buckel runterrutschen. Jetzt habe ich endlich mal das letzte Wort gehabt. Und morgen wirst du den Müll herunterbringen.“

„Nein, du.“

„Du.“

„Du.“

„Du.“

„Du.“

*

Als meine Eltern nach einer halben Stunde wieder in die Küche kamen, trafen sie auf einen glücklichen Sohn. Meine Schwester hätten sie sonst wo finden können. Das letzte „du“ war meins gewesen!

„Ich wäre fast ausgezogen“, sagte Vater zu mir, „aber deine Mutter und ich, wir haben uns wieder versöhnt.“

„Versöhnt!“ Mutter lachte.

„Ja, versöhnt“, wiederholte Vater und sah Mutter dabei seltsam an. Sie presste die Lippen zusammen und sagte nichts mehr.

„Und du“, und dabei schaute er mich unglaublich ernst an, „wenn ich noch einmal so etwas höre wie vorhin, dann kannst du dein blaues Wunder erleben.“

„Nein, du kannst dein blaues Wunder erleben“, erwiderte ich.

„Oh, Mann“, sagte Vater. Und schwieg.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich immer noch wie ein König. Dieses Mal traf ich Ivo an der üblichen Ecke und wir klatschten uns wie gewöhnlich ab.

„Na, wieder gesund?“ Ivo zog die Schultern hoch.

„Warum strahlst du denn so“, fragte er mich mit seltsam belegter Stimme. Ich erzählte ihm von dem Streit zwischen meinen Eltern und von ihrer anschließenden „Versöhnung“.

„Stell dir vor, er wäre fast ausgezogen, mein Vater“, sagte ich und lachte dabei. Ivo wurde noch trauriger als zuvor.

„Mein Papa ist gestern ausgezogen“, sagte er leise.

„Ach, was“, antwortete ich, „das wird schon wieder. Es geht bei deinen Eltern doch auch nur darum, dass einer das letzte Wort haben will.“

„Das stimmt nicht.“

„Und ob das stimmt.“

„Nein, er kommt nicht zurück.“

„Do-och.“

Aber Ivo schüttelte den Kopf und murmelte: „Mutter hat einen anderen. Der ist nicht arbeitslos. Nicht wie Papa.“

Darauf sagte ich nichts. Und das war gut so. Man muss nicht immer das letzte Wort haben.

 

 

***

 

 

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Folge 1: Verantwortungsbewusstsein

Folge 2: Die Terroristen

Folge 3: Großvaters Erbe

Folge 4: Aller guten Dinge

Folge 5: Letzte Worte

Folge 6: Venedig

Folge 7: Ammen-was?

Folge 8: Auf der Autobaaahn

Folge 9: Nach dem Tod

Folge 10: Faschingszoll

Folge 11: Nie wieder Handkäs!

Folge 12: Adams Apfel